Getagged: pop

räume erobern

Der Opener Grandmothers Mountain nimmt einen gleich gefangen: O Emperor beginnen ihr neues Album Vitreous ganz zurückgenommen und direkt, und steigern sich dann im Verlauf des Songs zu imposanten Klängen mit Violine, Schlagzeug und Bass. Und gerade auch deshalb entfaltet sich ein musikalischer Raum, der im Verlauf des Albums ganz unterschiedlich bespielt wird. Aber aus diesem Raum kommt der Hörer nicht mehr heraus, ist in ihm und mit der Musik gefangen. Ganz dicht dran an Song und Band. Und dann doch wieder ganz weit weg – in den Sphären in die uns O Emperor durch ihre Musik schicken. Jedes Lied entfaltet eine ganz eigene Dichte, durch Simplizität wie in Grandmothers Mountain oder durch das mit Hall überzogene Stück Holy Fool, das gleichzeitig die erste Single ist. Das gesamte Album entfalten die Iren von O Emperor eine Landschaft, grün, waldig, lebendig. Nur lassen sie diese Landschaft nicht ziehen, eher sperren sie sie in einen sakralen Raum ein. Den Hörer, der sich in diesen Raum hineinwagt, belohnen sie mit Versatzstücken aus der Pop- und Rockgeschichte, mit psychedelischen Ideen, die manchmal fragmentarisch, aber nie frickelig wirken. Am besten klingen O Emperor, wenn sie ohne Verzerrung und Hall ihren Sound finden – wenn sie direkt sind und ihren Raum abstecken. Dann bleibt man gerne länger gefangen in Song-Landschaften, Ideen und Melodien.

it´s the end of the musikzeitschrift as we know it

Wunderte ich mich noch angesichts des – sagen wir kryptisch gehaltenen – Editorials der neuesten Ausgabe der Spex (Ein Foto mit Hyazinthen, dazu ein Gruß der beiden Chefredakteure: „Liebe Leserinnen, liebe Leser, wir wünschen viel Freude mit dieser Ausgabe“), gibt mir die Wochenendausgabe vom 5./6. Mai der Süddeutschen Zeitung einen Hinweis: Wibke Wetzker und Jan Kedves werden ersetzt durch Torsten Groß, ein ehemaliger Rolling Stone-Redakteur. Daraufhin habe, so die SZ, die gesamte Redaktion gekündigt.

Und ich bin wütend. Weiterlesen

wer ist hier eigentlich kein berliner?

Kreativ, ständig beschäftigt, immer auf der Suche nach irgendetwas – und erschöpft. Erschöpft und unglücklich in der Alles-ist-möglich-Welt. Die Figuren in Jörg Albrechts Roman Beim Anblick des Bildes vom Wolf suchen ihr Lebensglück. Und wo sollte man suchen, wenn nicht in der Hauptstadt der Kreativen, in der Stadt, die niemals schläft. Heute. Jetzt. Morgen. Also in Berlin. Dass es ein Berlin-Roman ist, ist ab den ersten Sätzen klar. Auch, wenn eine echte Verortung erst spät im Buch folgt.

Wer sich bei dem Titel auf eine dunkle Geschichte in schattigen Wäldern und nächtlichen Straßen gefreut hat, wird enttäuscht. Albrechts Roman glänzt und glitzert an der Oberfläche, auch bei Nacht und vor allem bei Nacht. Weiterlesen

ein abend voller geburtstagslieder

20 Jahre Intro wollen gefeiert werden, deshalb lud das Magazin ein zu vielen Konzerten mit vielen Künstlern, die Intro schon lange begleitet haben und noch immer begleiten. In Lingen im Alten Schlachthof waren es dEUS und Dear Reader, die dem Magazin ihr Geburtstagsständchen bringen durften.

Zwanzig Jahre – im Musikgeschäft sind das eine lange Zeit. Wer nach zwanzig Jahren noch da ist, der ist es zurecht. So wie dEUS. Die gibt es in diesem Jahr auch seit zwanzig Jahren und so wurden an diesem Abend gleich zwei Geburtstage gefeiert.

dEUS auf der Bühne zu erleben war dann doch ganz anders, als ich es erwartet hatte. Warum kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen, denn es war ein perfekter Konzertabend: Sound, Licht und Choreografie, alles stimmte. Das Publikum: bunt gemischt. Von den Fans der ersten Stunde (einer erzählte im Vorfeld von einem Konzert, das er 1994 besucht hatte) bis hin zu Fans, die bei Gründung der Band noch nicht auf der Welt waren. Ein bisschen Rolling-Stone-Weekender-Stimmung also inklusive.

Jetzt aber endlich zur Musik. Als die fünf Bandmitglieder die Bühne betraten, da wusste man, dass es ein gutes Konzert wird. Höchstprofessionell waren die ersten Schritte und höchstprofessionell waren auch noch die letzten Schritte von der Bühne. Dazwischen haben dEUS gut eineinhalb Stunden gespielt oder besser – ihren Klangteppich ausgerollt. Es war laut und es war faszinierend zu sehen, wie sie aus welchen Instrumenten welche Klänge hervorbringen. Ganz unaufgeregt haben sie einen Hit an den anderen gereiht (bei zwanzigjähriger Tätigkeit ist ja auch eine gewisse Auswahl da), ohne Schnitzer, wie aufgenommen. Die Musiker waren routiniert, aber trotzdem hat man ihnen den Spaß, auf der Bühne zu stehen, angesehen.

Und das hat sich auch auf das Publikum übertragen. Die Damen im Saal haben getanzt als hätte es die Shoegazer-Bewegung nie gegeben, die Männer verhaltender. Das Licht war bestens auf die Musik abgestimmt: Mal kalt und grün, vor allem bei Lieder von Vantage Point, mal warm und gelb, blau und lila, rot – jeder Stimmung seine Farbe, jeder Stimmung seinen Klang. Es war ein schöner Geburtstagsabend.

Übrigens: das Drumherum war auch nicht zu übertreffen. Es gab kostenlosen Gehörschutz und Gratis-Wasser zum Abkühlen nach dem Konzert. 100 Punkte für die Organisatoren.

spielend zur realität

Ziemlich eindrucksvoll und realitätsnah, dieser Trailer, dachte ich bei meinem letzten Kinobesuch während der Werbung. Und von welchem Krieg der Film wohl handeln würde. Als dann der vermeintliche Filmtitel eingeblendet wurde, war ich überrascht, dass es sich um Battlefield 3 handelte.

Dass ich mich nicht sonderlich in der Gamingszene auskenne, vor allem nicht mit Shooterspielen, mag zu dem Irrtum beigetragen haben. Aber es zeigt doch ganz deutlich, wie realitätsnah das Setting der Spiele ist. Fotorealismus ist das Paradigma der Gamesindustrie; der Spieler soll mindestens das Umfeld für echt halten. Und dass ich selbst auf der Kinoleinwand nicht bemerkt habe, dass es sich hier um programmierte Bilder handelt, bedeutet doch nur, dass die Spieleentwickler und -visualisierer ihren Job ganz schön gut machen.

Täuschend echt sieht das Spiel aus. Das geht mir seit Wochen durch den Kopf. Was bedeutet es, wenn die Spiele wie reale Ereignisse aussehen? Ich möchte jetzt keine Killerspiel-Kritik anzetteln, das können andere machen. (Alle bisherigen Untersuchungen zeigen, dass Fernsehen die Aggressivität sogar mehr erhöht als das Spielen von Ego-Shootern.) Wenngleich das ständige Herumballern den Spieler stressen muss. Aber gestresst bin ich auch vom Stroboskoplicht auf der Tanzfläche.

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pathetic moments

Lasst es mich so formulieren: Ich fühle mich gerade so pathetisch-melancholisch gut und gleichzeitig frei, stark und dass mich nichts erschüttern kann … irgendwie fühlt sich mein Leben jugendlich an, mit ein wenig Distanz. Also ziemlich gut. Schuld daran sind insbesondere ein Buch und ein Film.

Beim Internationalen filmfest Braunschweig habe ich Submarine gesehen. Das Spielfilmdebut des britischen Regisseurs Richard Ayoade ist ein coming-of-age Film, spielt in Wales und ist einfach großartig. Ein Film, der die Gefühle und winzigen Beobachtungen von Protagonist Oliver Tate einfängt. Ein Film, der Gefühle in Bilder umsetzen kann. Was bestimmt damit zusammenhängt, dass er im Stil von Musikvideos gedreht wurde, mit viel Feuerwerk und grellbunten Sonnenbrillen, mit Super 8-Filmschnipseln und Polaroid-Pictures, mit Slow-Motion-Momenten und Freezed Gestures. Dazu ein eigens komponierter Soundtrack, zum Teil mit Liedern von Alex Turner, Sänger der Arctic Monkeys.

Herzzerreißend, wie Außenseiter Oliver Tate seiner ebenso nerdige Klassenkameradin Jordana sein Herz schenkt und sich ihrs erkämpft. Rührend, wie er durch die tägliche Kontrolle des elterlichen Schlafzimmers deren Ehe analysiert und sie zu retten versucht. Und erfrischend, mit welcher systematischen Interpretation sein und das Leben seines Umfelds kommentiert.

 

Und passend zu diesem Film habe ich tags zuvor The Perks of Being a Wallflower (Vielleicht lieber morgen) von Stephen Chbosky zu Ende gelesen. Das Buch handelt von Charlie, dessen Verhalten tatsächlich manchmal etwas seltsam ist, und seinem Versuch, am Leben teilzunehmen. In Briefform erzählt er dem Leser das High School-Leben aus seiner Sicht, analysiert und kommentiert das Verhalten seiner Umgebung. Dabei zeigt er für jeden Verständnis, sucht nach Beweggründen und Erklärungen. Genauso wie Oliver Tate aus Submarine ist es die gewisse Naivität, das Altkluge aber auch dieses Aus-der-Welt-sein, mit der er einen sofort für sich einnimmt.

Und dann schleicht es sich von innen, aus der Bauchgegend bis in den Kopf, das Gefühl, die ganze Welt liegt vor einem mit unendlich viel Zeit, sie zu entdecken. Und dass es jetzt viel wichtiger ist, den Moment zu genießen, schließlich leuchten die knallgelben Blätter gewiss nicht mehr lange unter dem klaren Herbsthimmel.

Zeit, die Jugend zu feiern

punkte für poeten

Sie versammeln sich alle beim arte Webslam: die besten Poeten Deutschlands. Beeindruckend, wie sie mit Sprache und Rhythmus Texte erschaffen, die Götter (Renato Kaiser) nicht besser hätten dichten können. Manchmal kommt Philosophie heraus wie bei Theresa Hahl:
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Manchmal rocken die selbsternannten Kunstrapper TTZ den Saal:
http://download.creative.arte.tv/creative/flash/player.swf?videoId=4747&admin=false&mode=prod&embed=true&appContext=creative

Wie oft darf man die Höchstpunktzahl vergeben?

pop is alive. still.

Karl Bruckmaier schreibt in der Wochenendausgabe (29./30.10.) der Süddeutschen, der größte Irrtum der Popmusik sei das Versprechen von Neuigkeit. Und Karl Bruckmaier sollte es wissen, schließlich macht und schreibt er seit 1978 über Pop. Er bezieht sich in seinem Artikel auf einen vor einigen Wochen erschienenen Artikel von Jens-Christian Rabe, der dem Pop zwar auch Bedeutungsverlust attestiert, ihm aber Neuigkeiten zumindest in den Nischen zuspricht.

Bruckmaier sagt nun, dass Neueste sei eine in der Warenform von Pop immanente Seinslüge. Die Popkulturakteure geben das falsche Versprechen vom Neuen, um vorzugsweise Minderjährigen und Minderbemittelten das Geld aus den Taschen zu ziehen. Und so sehr ich mich dagegen wehren möchte, Bruckmaiers Begründung ist durchaus plausibel. Pop entsteht aus Referenzen. Pop(musik) zitiert das, was schon da war, was bekannt ist. Und nur weil der jungen Zielgruppe das kulturelle Gedächtnis fehlt, schlucken sie das von der Industrie verbreitete süße Neuigkeitsversprechen.

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