Getagged: musik

räume erobern

Der Opener Grandmothers Mountain nimmt einen gleich gefangen: O Emperor beginnen ihr neues Album Vitreous ganz zurückgenommen und direkt, und steigern sich dann im Verlauf des Songs zu imposanten Klängen mit Violine, Schlagzeug und Bass. Und gerade auch deshalb entfaltet sich ein musikalischer Raum, der im Verlauf des Albums ganz unterschiedlich bespielt wird. Aber aus diesem Raum kommt der Hörer nicht mehr heraus, ist in ihm und mit der Musik gefangen. Ganz dicht dran an Song und Band. Und dann doch wieder ganz weit weg – in den Sphären in die uns O Emperor durch ihre Musik schicken. Jedes Lied entfaltet eine ganz eigene Dichte, durch Simplizität wie in Grandmothers Mountain oder durch das mit Hall überzogene Stück Holy Fool, das gleichzeitig die erste Single ist. Das gesamte Album entfalten die Iren von O Emperor eine Landschaft, grün, waldig, lebendig. Nur lassen sie diese Landschaft nicht ziehen, eher sperren sie sie in einen sakralen Raum ein. Den Hörer, der sich in diesen Raum hineinwagt, belohnen sie mit Versatzstücken aus der Pop- und Rockgeschichte, mit psychedelischen Ideen, die manchmal fragmentarisch, aber nie frickelig wirken. Am besten klingen O Emperor, wenn sie ohne Verzerrung und Hall ihren Sound finden – wenn sie direkt sind und ihren Raum abstecken. Dann bleibt man gerne länger gefangen in Song-Landschaften, Ideen und Melodien.

Advertisements

it´s the end of the musikzeitschrift as we know it

Wunderte ich mich noch angesichts des – sagen wir kryptisch gehaltenen – Editorials der neuesten Ausgabe der Spex (Ein Foto mit Hyazinthen, dazu ein Gruß der beiden Chefredakteure: „Liebe Leserinnen, liebe Leser, wir wünschen viel Freude mit dieser Ausgabe“), gibt mir die Wochenendausgabe vom 5./6. Mai der Süddeutschen Zeitung einen Hinweis: Wibke Wetzker und Jan Kedves werden ersetzt durch Torsten Groß, ein ehemaliger Rolling Stone-Redakteur. Daraufhin habe, so die SZ, die gesamte Redaktion gekündigt.

Und ich bin wütend. Weiterlesen

ein abend voller geburtstagslieder

20 Jahre Intro wollen gefeiert werden, deshalb lud das Magazin ein zu vielen Konzerten mit vielen Künstlern, die Intro schon lange begleitet haben und noch immer begleiten. In Lingen im Alten Schlachthof waren es dEUS und Dear Reader, die dem Magazin ihr Geburtstagsständchen bringen durften.

Zwanzig Jahre – im Musikgeschäft sind das eine lange Zeit. Wer nach zwanzig Jahren noch da ist, der ist es zurecht. So wie dEUS. Die gibt es in diesem Jahr auch seit zwanzig Jahren und so wurden an diesem Abend gleich zwei Geburtstage gefeiert.

dEUS auf der Bühne zu erleben war dann doch ganz anders, als ich es erwartet hatte. Warum kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen, denn es war ein perfekter Konzertabend: Sound, Licht und Choreografie, alles stimmte. Das Publikum: bunt gemischt. Von den Fans der ersten Stunde (einer erzählte im Vorfeld von einem Konzert, das er 1994 besucht hatte) bis hin zu Fans, die bei Gründung der Band noch nicht auf der Welt waren. Ein bisschen Rolling-Stone-Weekender-Stimmung also inklusive.

Jetzt aber endlich zur Musik. Als die fünf Bandmitglieder die Bühne betraten, da wusste man, dass es ein gutes Konzert wird. Höchstprofessionell waren die ersten Schritte und höchstprofessionell waren auch noch die letzten Schritte von der Bühne. Dazwischen haben dEUS gut eineinhalb Stunden gespielt oder besser – ihren Klangteppich ausgerollt. Es war laut und es war faszinierend zu sehen, wie sie aus welchen Instrumenten welche Klänge hervorbringen. Ganz unaufgeregt haben sie einen Hit an den anderen gereiht (bei zwanzigjähriger Tätigkeit ist ja auch eine gewisse Auswahl da), ohne Schnitzer, wie aufgenommen. Die Musiker waren routiniert, aber trotzdem hat man ihnen den Spaß, auf der Bühne zu stehen, angesehen.

Und das hat sich auch auf das Publikum übertragen. Die Damen im Saal haben getanzt als hätte es die Shoegazer-Bewegung nie gegeben, die Männer verhaltender. Das Licht war bestens auf die Musik abgestimmt: Mal kalt und grün, vor allem bei Lieder von Vantage Point, mal warm und gelb, blau und lila, rot – jeder Stimmung seine Farbe, jeder Stimmung seinen Klang. Es war ein schöner Geburtstagsabend.

Übrigens: das Drumherum war auch nicht zu übertreffen. Es gab kostenlosen Gehörschutz und Gratis-Wasser zum Abkühlen nach dem Konzert. 100 Punkte für die Organisatoren.

das gefühlskalte bürgertum

Warum diese Understatement in der Deutschen Hochkultur? Ich meine nicht das der Kulturschaffenden, sondern das der Adressaten. Obwohl, Understatement ist das falsche Wort. Viel mehr geht es um die Gemütskühle des Publikums.

Heute Abend habe ich Premiere gefeiert: Ich war bei meinem ersten Sinfoniekonzert. Und es war toll. Um nicht zu sagen, es war bombastisch. Was sicherlich daran lag, dass ich mir für mein erstes Sinfoniekonzert Gustav Mahler ausgesucht habe. Weil ich auf Pathos und Bombast stehe, da lag Mahler nahe. Der tosende, minutenlange Applaus am Ende des Konzerts hat gezeigt, dass nicht nur ich die 90 Minuten Musik genossen habe. Aber während der 90 Minuten hat man das Gefallen oder Nichtgefallen nicht erschließen können. Noch nicht einmal ein Raunen ging durch die Reihen. Klar, dass es während eines Konzerts des Staatsorchester anders zugeht als auf einem Rockkonzert, war mir bewusst. Dass aber auch andere Regeln gelten als in der Oper, nicht.

Irritiert hat mich, dass es keinen Applaus zwischen den einzelnen Sätzen gab. Da hob das Orchester mit aller Kraft an, jeder Musiker gab sein Herzblut in die letzten Takte, mit einem fulminanten Getöse endete der erste Satz – und ich war die einzige, die zu klatschen begann. Nun ja, es war ja auch mein erstes Mal, da darf man Fehler machen. Ich verstehe, dass die Musiker sich konzentrieren müssen. Aber während sie ihre Instrumente nachstimmen, kann doch ein wenig Lob vom Publikum erbauend sein und wenig schaden. In den nächsten vier Pausen habe ich übrigens alles richtig gemacht.

Dabei hätten die Musiker Szenenapplaus mehr als verdient: Mit viel Hingabe und körperlicher Anstrengung haben sie ihren Instrumenten die schönsten Töne entlockt. Da war der Mann, der die erste Geige spielt (dieser Witz musste sein),  also, da war der erste Geiger, der mit Schnappatmung auf seinem Stuhl wippte, der bei schwierigen Einsätzen sogar vom Stuhl hochhüpfte. Da war der Cellist, der mit „schhhhhht“ sich selbst beruhigte. Da waren diverse Musiker, die vor Anstrengung das Gesicht verzogen, die wippten und laut aufatmeten, wenn der letzte Ton gespielt war. Und da war der Dirigent, der auf seinem Podest fast tanzte, der schon nach kurzer Zeit ins Schwitzen kam und der laut mitsummte. Wirklich laut. So laut, dass das Publikum es vernehmen konnte. All die Arbeit war während des ganzen Konzerts zu sehen und zu spüren, aber keiner hat sie honoriert – während des Konzerts wohlgemerkt, im Anschluss mehr als genug.

Ganz anders bei Popkonzerten. Da wird vom Publikum lautstark Gefallen und Nichtgefallen kundgetan. Nach und bei gelungenen Musik-, Tanz- oder Gesangsdarbietungen von Bandmitgliedern jubelt das Publikum. Auch wenn das Lied dann noch nicht zu Ende ist, wenn es gefällt, wird gejubelt; zum Beispiel bei diesem Trompetensolo (nach ca. 4:30 min.):

Wenn der kleine Mann noch singt, ist zwar die Oper noch nicht zu Ende, einen Applaus für den Musiker gibt es trotzdem.

Nachtrag: Der Musikkritiker Alex Ross (ist durch The Rest is Noise bekannt geworden) erzählt in einem Interview mit der SZ (26.1.2012), dass „die Konzerterfahrung bis Ende des 19. Jahrhunderts vollkommen anders war. Das Publikum war viel lauter, man kam und ging und applaudierte in den unmöglichsten Momenten. […] Ich sehne mich nicht zurück zum Tumult des 17. und 18. Jahrhunderts, aber es gibt Wege, die ganze Sache weniger förmlich zu machen.“ Seine Worte in die Ohren der exklusiven Klassik-Szene.

pop is alive. still.

Karl Bruckmaier schreibt in der Wochenendausgabe (29./30.10.) der Süddeutschen, der größte Irrtum der Popmusik sei das Versprechen von Neuigkeit. Und Karl Bruckmaier sollte es wissen, schließlich macht und schreibt er seit 1978 über Pop. Er bezieht sich in seinem Artikel auf einen vor einigen Wochen erschienenen Artikel von Jens-Christian Rabe, der dem Pop zwar auch Bedeutungsverlust attestiert, ihm aber Neuigkeiten zumindest in den Nischen zuspricht.

Bruckmaier sagt nun, dass Neueste sei eine in der Warenform von Pop immanente Seinslüge. Die Popkulturakteure geben das falsche Versprechen vom Neuen, um vorzugsweise Minderjährigen und Minderbemittelten das Geld aus den Taschen zu ziehen. Und so sehr ich mich dagegen wehren möchte, Bruckmaiers Begründung ist durchaus plausibel. Pop entsteht aus Referenzen. Pop(musik) zitiert das, was schon da war, was bekannt ist. Und nur weil der jungen Zielgruppe das kulturelle Gedächtnis fehlt, schlucken sie das von der Industrie verbreitete süße Neuigkeitsversprechen.

Weiterlesen

das große heldensterben

Es ist ein bisschen früh für ein Jahresrückblick und ein bisschen spät für ein Jahrzehnterückblick. Aber dieser Sommer hat mir unmissverständlich gezeigt, dass die Nuller-Jahre endgültig vorbei sind. Nicht, dass ich sie unbedingt zurück haben wollte, cool geht anders und (welt)politisch waren sie ja eher ein Fiasko. Und trotzdem, die Nuller haben mich mehr geprägt, als mir lieb ist. Schließlich bin ich in ihnen erwachsen geworden. Abi, Studium, ausziehen, alleine wohnen, WG, neue Stadt (Stadt!), neue Freunde, Abschluss, neue Stadt, erster Job, neue Freunde – neues Leben. Alles zwischen 2004 und 2009. Wenn das nicht prägt.

Und jetzt, soll all das vorbei sein? Wo sind meine Helden von früher? Was machen die Bands, die mir damals Trost spendeten? Was machen die Schauspieler, die ich heiraten wollte? Fangen wir mit letzteren an: Sie sind vertillschweigert. Spielen mit bei Keinohrhasen. Sie schreiben Drehbücher, führen Regie und übernehmen die Hauptrolle in so genannten romantischen Komödien. Sie machen den Klassenclown im privatisierten Vorabendprogramm.

Warum? Wer will das sehen?

Und die Musiker? Wo sind die Bands mit Profil? Und wenn es Arschlöcher wie Oasis waren, wenigstens standen die Gallagher-Brüder für etwas. Und heute? All die indieelektropoppostpunk Bands, die gleich klingen und die die Rockklischees in gut, weniger gut bis meistens schlecht inszenieren. Deren Unterschied noch nichtmal in der Frisur sondern höchstens in der Nuance der schwarzen bzw. grauen Hose liegt. Nunja, allemal besser, als Casper, der versucht mit Texten, die Virginia Jetzt durch den Reißwolf jagen würden, und Crossover-Linkin-Park-Musik, die schon in den 00er schlecht war, den deutschen HipHop zu retten. Wie schön waren die Konzerte von Dave Grohl, als sie noch etwas bedeuteten. Wie aufregend die erste Frickel-Musik, wie schweißtreibend der Disco-Punk von DFA.

Und jetzt? Laufe ich Gefahr auf Nuller-Party-Reihen zu tanzen? Mir Samstag- und Sonntagnachmittag schlechte Spielfilme im Fernsehen anzusehen. Zum Glück gibt es da neue Helden, über die ich in ein paar Jahren einen ähnlichen Text schreiben kann. Seid mir nicht böse, ihr Nuller-Helden, aber dies hier ist mein Abschiedsbrief. Es hat Spaß gemacht.

sympathien für singende loser

Kann mir einer verraten, warum ich Glee verfallen bin? Zwei Staffeln lang habe ich pubertierenden amerikanischen Teenagern dabei zugesehen, wie sie sich verlieben, wie sie einander den Freund ausspannen, wie sie um Anerkennung kämpfen, wie sie von den Mitschülern „geslusht“ werden. VIERUNDVIERZIG Folgen. Ich kann die dritte Staffel kaum erwarten. Und ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin.

Auch wenn die Kassiererinnen bei REWE mich regelmäßig mindestens 10 Jahre jünger schätzen, bin ich doch eigentlich den Highschoolmovies entwachsen. Und Glee hat vieles davon: Es gibt den Quarterback, die schöne Cheerleaderin, ihre zwei hübschen, aber dummen Freundinnen, die Außenseiterin, denn Outlaw und „the Asian-Guy“. Glee bedient sich aller Klischees und Stereotypen. Treibt sie bis zur Spitze, um dann mit ihnen zu brechen.

Weiterlesen