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i share therefore i am

Sherry Turkle erwischt einen wunden Punkt. „I’d rather text than talk“ offenbart sie während des Vortrags auf der TED Conference im März 2012. Und ich fühle mich ertappt. Bin ich letztens nicht erst im Club einer neuen Bekanntschaft aus dem Weg gegangen, um dann nachts, kurz vorm Einschlafen, dem Bekannten auf Facebook zu schreiben, was er verpasst hat, wie schade es war, dass er nicht dabei sein konnte, aber das nächste Mal bestimmt … Als ich also die Chance auf eine reale Kommunikation mit einem physischen Gegenüber verstreichen ließ, formte ich in meinem Kopf schon die Facebook-Nachricht und den Tweet, den ich später möglicherweise versenden würde.

Und das macht mir Angst. Nicht, weil ich glaube würde, dass soziale Netzwerke per se böse sind, ich glaube, dass sie mein Leben deutlich vereinfachen. Aber der Ansatz, eine virtuelle spätere Situation einer Hier-und-Jetzt-Situation vorzuziehen, das halte ich für bedenklich. Sicher, oft kommt das nicht vor, wahrscheinlich habe ich das Gespräch im Club auch deshalb nicht geführt, weil mir etwas am Gegenüber nicht passte. Und trotzdem, habe ich verlernt, Dinge auszuhalten?

Ist etwas, das auf den ersten Blick nicht perfekt passt, gleich nicht würdig, sich damit zu beschäftigen? Das berührt ja nicht nur Dinge wie das Kennenlernen von Menschen, das Zuhören in Konferenzen, das Beobachten der Umgebung während des Wartens, sondern und vor allem auch das Konsumieren von Nachrichten, das Beschaffen von Informationen und die Ausbildung von Meinungen.

Die Tendenz, sich in Technik zu flüchten und das analoge Leben zu verlassen, Dinge nicht aushalten zu müssen und Situationen perfekt auf die eigenen Bedürfnisse zuzuschneiden, davor habe ich Angst. Angst, einen Teil jahrtausendalter Kultur zu verlieren. Nicht mehr allein sein zu können, sondern einsam zu werden.

überall games, games, games …

So kann man auch unliebsame Werbung loswerden:

Just One More Game …

Sam Anderson spielt ziemlich viel auf seinem iPhone. Eigentlich ständig und vor allem „stupid games“. Dabei hat er sich als junger Erwachsener  geschworen, keine Videospiele mehr zu spielen. In dem Artikel auf nytimes.com erzählt er, wie irgendwie seine Kinder Schuld am neuen Suchtverhalten sind. Und nebenbei führt er den Leser in die Geschichte des Spielens ein.

(Highlight des Artikels ist aber definitiv das „stupid game“)

nächtliche beobachtungen an einem großen hauptbahnhof

Wenn einer eine Reise tut … verbringt er viel Zeit auf Deutschlands Bahnhöfen. Zumindest, wenn er wie ich mit dem Zug reist. Daraus resultierend: eine Liste. Endlich!

  • Je bekleideter die Frauen, desto sympathischer erscheinen sie mir.
  • 90 % der Mädchen und jungen Frauen tragen sehr durchsichtige Strumpfhosen zu sehr kurzen Röcken.
  • Tragt das bitte nicht! Es sei denn, ihr wollt im horizontalen Gewerbe Karriere machen.
  • Die anderen 10 % Mädchen und Frauen warten auf den nächsten Zug.
  • Je dicker die Beine, desto kürzer der Rock.
  • High-Heels machen den wenigsten Frauen schöne Beine. Eigentlich genau einer. Und einer halb. Alle anderen stacksen wie Störche durch den Bahnhof.
  • Es gibt drei Arten, mit betrunkenen Freunden umzugehen: mit Nichtachtung strafen, lachen und liegenlassen; an der Hand durch die Halle zerren; Kaffee und Salami-Baguette von Yorma holen. Ich wünsche mir letztere Freunde.
  • Die besten Rhymes entstehen nach 1 in der früh im Stuhlkreis vor dem geschlossenen Bahnhofscafé.
  • Seit die Polizisten ihre blauen Allzweck-Anzüge tragen, ist der Respekt geschwunden und die Unzufriedenheit gewachsen. Zumindest bei mir. Ich plädiere für schicke Uniformen.

getting older

Und schon wieder das Thema Alter. Dieses Mal geht es aber nicht um das Erwachsensein oder Nichterwachsensein sondern dieses Mal geht es um mich. Ich bin nicht mehr jung. Das ist mir gerade jetzt bewusst geworden. Wenn man die (zwar ständig steigenden) Lebenserwartung zugrunde legt, habe ich mehr als ein Drittel meines Lebens schon längst hinter mich gelassen. Mein biologisches Alter macht mir aber nicht zu schaffen. Noch ist das für mich nur eine Zahl, ich fühle mich eher danach oder nicht.

Vielmehr muss ich mich jetzt daran gewöhnen, dass andere nachkommen, die jünger sind. Im Arbeitsleben, im Freundeskreis, beim Ausgehen. Das war bis vor kurzem noch anders: Als ich mein Studium abgeschlossen habe und meine erste Stelle bekommen habe, war ich zwar nicht die Jüngste, aber im Vergleich zu meinen Kommilitonen und Mitbewerbern dennoch ziemlich jung. Wenn ich mich jetzt vorstelle, bin ich einfach ich, ohne das ziemlich jung davor. Und es gibt andere, die ziemlich jung sind. Die den Altersbonus jetzt in Anspruch nehmen können.

Viele meiner Freunde sind älter als ich, aber ich lerne immer mehr Leute kennen, die jünger sind. Und in beim Ausgehen werde ich immer öfter von Männern/Jungs angesprochen, die deutlich jünger sind als ich. (Gut, ich sehe nun mal noch sehr jung aus, beim Alkoholkaufen muss ich mich oft ausweisen, aber dass überhaupt so viele Jüngere da hingehen, wo ich hingehe …) Was oft zu amüsanten Situationen führt: „Als wir damals immer in den Club Soundso gegangen sind …“ „Was? Du warst im Soundso? Das ist ja ewig her!“ „Achso, ja. Du anscheinend nicht. Du warst wohl noch zu jung, damals.“ „Ja.“ „Ja, dann …“

Aber was nützt es, mich zu beschweren. Es ist, wie so schön gesagt, der Lauf der Dinge. Und ich mag es, wenn sich Dinge ändern. Jetzt muss ich mich nur noch mit meiner neuen Rolle anfreunden. Damit ich auf den neuen Altersbonus setzen kann: Den Schon-erfahrenen-aber-immer-noch-jung-sein-Bonus.

 

vom mixtape zum leben

Thomas Hübener schreibt in der aktuellen Spex über digitale Mixtapes und die Rolle, in die der Rezipient gezwängt wird. Der Zuhörer wird zum Produzenten. Der Verleger/Produzent/Hersteller/Labelboss/Trendscout/Journalist/Brötchenverkäufer/… (die Liste lässt sich endlos weiterführen und ist auf alle Lebensbereiche übertragbar) trägt keine Verantwortung mehr. Kunst on demand. Eine treffende Beobachtung:

„Anders als beim persönlichen Mixtape bleiben böse Überraschungen – zum Beispiel das U2-Stück auf dem Bitte-komm-zurück-Tape – aus. Der Haken: gute Überraschungen leider auch. Oder genauer: Überraschungen bleiben überhaupt auf der Strecke. Und das ist eine Signatur unserer Zeit. Die Reibung an etwas, das nicht auf den ersten Blick gefällt, fällt zunehmend weg. Deshalb kauft oder klickt man lieber, was Kunden kauften oder klickten, die kauften oder klickten, was man selbst kaufte oder klickte. Das Bewusstsein, dass die Liebe zu einem Künstler auch mit Arbeit verbunden sein kann, dass man sich ein Stück manchmal schönhören muss, oder – übertragen auf Literatur – dass man sich durch die ersten 100 Seiten eines Buches vielleicht ein wenig quält, dann aber umso höheren Lohn erhält, ist im Schwinden begriffe. Das Kunsterlebnis wird mit so viel Gleitgel bestrichen, dass es auch die letzten Reste von Konfrontativität und Gefahr verliert. Das leistet einer Skipatasten-Mentalität Vorschub, die alles, was nur ein wenig anders ist als gewohnt, ausblendet. Kann das gut sein?“
(Thomas Hübener, Digitaler Bandsalat, erschienen in Spex #337)