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it´s the end of the musikzeitschrift as we know it

Wunderte ich mich noch angesichts des – sagen wir kryptisch gehaltenen – Editorials der neuesten Ausgabe der Spex (Ein Foto mit Hyazinthen, dazu ein Gruß der beiden Chefredakteure: „Liebe Leserinnen, liebe Leser, wir wünschen viel Freude mit dieser Ausgabe“), gibt mir die Wochenendausgabe vom 5./6. Mai der Süddeutschen Zeitung einen Hinweis: Wibke Wetzker und Jan Kedves werden ersetzt durch Torsten Groß, ein ehemaliger Rolling Stone-Redakteur. Daraufhin habe, so die SZ, die gesamte Redaktion gekündigt.

Und ich bin wütend. Weiterlesen

sag ruhig wir

Wir benutzen das Internet nicht, wir leben darin und damit. Das Internet ist für uns keine Technologie, deren Beherrschung wir erlernen mussten und die wir irgendwie verinnerlicht haben. Das Netz ist ein fortlaufender Prozess, der sich vor unseren Augen beständig verändert, mit uns und durch uns.

Piotr Czerski spricht in Wir, die Netz-Kinder aus, was ich denke. Treffendere Worte hätte ich nicht finden können.

where have all the poets gone

Jetzt hat sogar schon die lokale Tageszeitung über den Poetry Slam am vergangenen Wochenende berichtet. Dabei sollte man doch meinen, die Netzkultur sei schneller. Ist sie auch, nur ich eben nicht immer. Trotzdem möchte ich hier noch meine Sicht des Braunschweiger Slams vom 17.2.2012 loswerden.

Dabei geht es mir nicht um die Veranstaltung an sich, sondern eher um die Entwicklung der Poetry Slam-Kultur im Allgemeinen. Kurz vorweg: Das neue Konzept mit neuem Moderator und mit musikalischer Begleitung hat dem Poetry Slam sichtlich gut getan. Slammaster Dominik Bartels konnte den Spannugsbogen über den gesamten Abend – gut dreieinhalb Stunden – halten, hat das Publikum mit seiner charmanten Art unterhalten und gleichsam den Slammern in ihren Persönlichkeiten genügend Raum gegeben. Vor allem aber waren die Texte der Poetry Slammer ausgewogen und qualitativ auf einem durchaus respektablen Niveau.

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engel links, teufel rechts … oder so

Zur Zeit herrscht eine ziemliche Aufregung, wenn es um „das Internet“ geht: Google ändert zum 1. März seine Datenschutzbestimmungen, Facebook führt die Chronik sukzessive für alle ein und ein deutscher Politiker prophezeit den Untergang der Netzkultur. Letzteres wird definitiv nicht eintreten, für Erstaunen hat die Aussage dennoch gesorgt. Eine weit hitzigere Diskussion wird derweil um die ersten beiden Punkte geführt.

Vereinfacht gesagt stehen sich zwei Positionen gegenüber: Die Sorglosen und die Besorgten. Den Sorglosen ist es egal, dass Google und Facebook munter Daten sammeln. Nutzen können die Firmen sowieso nur die wenigsten Informationen und was in Zukunft damit passiert, ist … nun mal Zufkunftsmusik. Die Besorgten hingegen sehen hinter jeder 0 und 1, die sie im Netz hinterlassen, einen Angriff auf ihre Persönlichkeit und es gilt für sie, die Hoheit über alle Daten zu behalten.

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das gefühlskalte bürgertum

Warum diese Understatement in der Deutschen Hochkultur? Ich meine nicht das der Kulturschaffenden, sondern das der Adressaten. Obwohl, Understatement ist das falsche Wort. Viel mehr geht es um die Gemütskühle des Publikums.

Heute Abend habe ich Premiere gefeiert: Ich war bei meinem ersten Sinfoniekonzert. Und es war toll. Um nicht zu sagen, es war bombastisch. Was sicherlich daran lag, dass ich mir für mein erstes Sinfoniekonzert Gustav Mahler ausgesucht habe. Weil ich auf Pathos und Bombast stehe, da lag Mahler nahe. Der tosende, minutenlange Applaus am Ende des Konzerts hat gezeigt, dass nicht nur ich die 90 Minuten Musik genossen habe. Aber während der 90 Minuten hat man das Gefallen oder Nichtgefallen nicht erschließen können. Noch nicht einmal ein Raunen ging durch die Reihen. Klar, dass es während eines Konzerts des Staatsorchester anders zugeht als auf einem Rockkonzert, war mir bewusst. Dass aber auch andere Regeln gelten als in der Oper, nicht.

Irritiert hat mich, dass es keinen Applaus zwischen den einzelnen Sätzen gab. Da hob das Orchester mit aller Kraft an, jeder Musiker gab sein Herzblut in die letzten Takte, mit einem fulminanten Getöse endete der erste Satz – und ich war die einzige, die zu klatschen begann. Nun ja, es war ja auch mein erstes Mal, da darf man Fehler machen. Ich verstehe, dass die Musiker sich konzentrieren müssen. Aber während sie ihre Instrumente nachstimmen, kann doch ein wenig Lob vom Publikum erbauend sein und wenig schaden. In den nächsten vier Pausen habe ich übrigens alles richtig gemacht.

Dabei hätten die Musiker Szenenapplaus mehr als verdient: Mit viel Hingabe und körperlicher Anstrengung haben sie ihren Instrumenten die schönsten Töne entlockt. Da war der Mann, der die erste Geige spielt (dieser Witz musste sein),  also, da war der erste Geiger, der mit Schnappatmung auf seinem Stuhl wippte, der bei schwierigen Einsätzen sogar vom Stuhl hochhüpfte. Da war der Cellist, der mit „schhhhhht“ sich selbst beruhigte. Da waren diverse Musiker, die vor Anstrengung das Gesicht verzogen, die wippten und laut aufatmeten, wenn der letzte Ton gespielt war. Und da war der Dirigent, der auf seinem Podest fast tanzte, der schon nach kurzer Zeit ins Schwitzen kam und der laut mitsummte. Wirklich laut. So laut, dass das Publikum es vernehmen konnte. All die Arbeit war während des ganzen Konzerts zu sehen und zu spüren, aber keiner hat sie honoriert – während des Konzerts wohlgemerkt, im Anschluss mehr als genug.

Ganz anders bei Popkonzerten. Da wird vom Publikum lautstark Gefallen und Nichtgefallen kundgetan. Nach und bei gelungenen Musik-, Tanz- oder Gesangsdarbietungen von Bandmitgliedern jubelt das Publikum. Auch wenn das Lied dann noch nicht zu Ende ist, wenn es gefällt, wird gejubelt; zum Beispiel bei diesem Trompetensolo (nach ca. 4:30 min.):

Wenn der kleine Mann noch singt, ist zwar die Oper noch nicht zu Ende, einen Applaus für den Musiker gibt es trotzdem.

Nachtrag: Der Musikkritiker Alex Ross (ist durch The Rest is Noise bekannt geworden) erzählt in einem Interview mit der SZ (26.1.2012), dass „die Konzerterfahrung bis Ende des 19. Jahrhunderts vollkommen anders war. Das Publikum war viel lauter, man kam und ging und applaudierte in den unmöglichsten Momenten. […] Ich sehne mich nicht zurück zum Tumult des 17. und 18. Jahrhunderts, aber es gibt Wege, die ganze Sache weniger förmlich zu machen.“ Seine Worte in die Ohren der exklusiven Klassik-Szene.

occupy gilmore girls

Das erste, was mir einfällt zum Thema Occupy, ist das genaue Gegenteil von Stars Hollow, der vor Spießigkeit strotzenden Kleinstadt der Gilmore Girls. Was mir in den Sinn kommt sind junge Männer und Frauen in Karohemden und Stoffschuhen, Jutebeutel und große, dunkle Brillen tragend. Und bunte Zelte, wild durcheinander aufgeschlagen. Gleich danach liegen vor meinem geistigen Auge zottelige Obdachlose und Herumsteicher in und zwischen den Zelten. Dann tauchen die Müllberge auf, die diese große Menschenmenge produzieren musste.

Das ist alles andere als eine romantische Vorstellung von einer friedlichen Zelt-Protest-Bewegung. Vielleicht weil ich weiß, wie viel Organisation ein Zelturlaub mit sich bringt. In so einem Stadtpark wollen sanitäre Anlagen und Versorgungszelte aufgebaut werden, um das Nötigste zu nennen. Dann kann noch einiges hinzukommen: Irgendetwas muss immer repariert werden, irgendjemand interessiert sich sicher für die neuesten Nachrichten, jemand sucht eine Beschäftigung, ein anderer möchte sich bewegen …

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das gefühl bleibt

Gestern sollte es soweit sein: Das „Gefühl, die Region Braunschweig habe eine gute Kreativwirtschaft vorzuweisen“, sollte mit harten Fakten untermauert werden.

Die Stiftung Nord/LB-Öffentliche hat vor eineinhalb Jahren bei dem Kulturwirtschaftsforscher Michael Söndermann eine Studie in Auftrag gegeben, die Fakten liefern sollte – ob sie nun das Gefühl bestätigen oder nicht. Sie sollte eine Grundlage für eine Diskussion sein, sie ist eine reine Datenerhebung. Das bedeutet auch, dass Söndermann keine Handlungsvorschläge liefert.

Warum das Ganze? Nun, in Braunschweig und der Region herrscht Fachkräftemangel. Das ist kein Geheimnis. Und die Entscheider glauben, dass ein kreatives Umfeld dazu beiträgt, Fachkräfte in die Region zu locken.

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