Getagged: denken

die öffentlich-rechtliche mär einer natürlichen gesellschaft

Als gestern Nacht zwischen 23.10 Uhr und 0.25 Uhr laute Empörungsrufe aus meinem Wohnzimmer erschallten, war es mitnichten ein Fußball-Fan der die Zusammenfassung des DFB-Pokal Spiels vom Abend sah. Nein. Ich habe vielmehr versucht, die Gesellschafts-Talkrunde Menschen bei Maischberger zu sehen.

Thema sollte der baden-württenbergische Bildungsplan sein, der vorsieht sexuelle Vielfalt im Unterricht zu behandeln. Nur – leider ging es nicht darum. Weiterlesen

wenn einer eine reise tut …

dann tut er das häufig mit der Deutschen Bahn. Und es ist so, als würde man mit dem Eintritt in den Zug in ein Paralleluniversum eintreten.

Je nach Beweggrund der Reise und der Art des Zuges ändert sich das Universum. Morgens zum Beispiel, in einer Regionalbahn kurz vor sieben. Da sitzen die anonymen Pendler, das Frühstück in leuchtend gelber Pappe und Papiertüten. Weiterlesen

gelesen und für teilenswert befunden

Menschen haben kein natürliches Gespür für Wichtigkeiten. […] Die Leistung der Redaktion ist die Einschätzung. Was ist wichtig? Was ist Unsinn? Was ist anders, als es aussieht? Für diese Einschätzungsgabe arbeiten Redakteure mitunter jahrelang. In Ausbildungen. In Praktika. Im Selbstversuch, meinetwegen. Die Gefahr des Mitmach-Web ist also nicht in erster Linie ein Problem der Arbeitsplätze, sondern der Verlust jeglicher intersubjektiver Wahrnehmung. Wenn die Basis der Beobachtung wegfällt, ist Information wertlos. Wir sind nicht in der Lage, die Schnittmenge aus sechs Milliarden Weltbeobachtungen täglich selbst zu bilden. Deshalb gibt es Medien.

(Thomas Holzinger und Martin Sturmer in Die Online-Redaktion)

#aufschrei

Ich gebe zu, ein wenig spät dran zu sein. Vieles wurde schon gesagt über Herrenwitze und Mitarbeiterinnen in kurzen Röcken, vieles wurde missverstanden, manches aus dem Weg geräumt. Eigentlich wollte ich mich nicht zur #aufschrei-Debatte äußern. Nicht, weil ich sie für überzogen oder falsch halte. Einfach deshalb, weil mir die Dichotomie, die im Zuge der Diskussion aufgemacht wird, schwer über die Lippen kommt. Überspitzt heißt es: Männer machen Herrenwitze über Frauen in zu enger Bluse und zu engem Rock. Weiterlesen

zwitschernde scheinöffentlichkeit

Eine Twitterwall verhält sich zum Großereignis wie der Jutebeutel zum Großstädter: Wer mitschwimmen will im Coolnessbecken, sollte eine(n) haben. Und so projizert auf jeder großen, mittelgroßen und kleinen Konferenz, bei jeder Diskussionsrunde und überall dort, wo es um „irgendwas mit Medien“ geht, ein Beamer die getwitterten Statements an eine Wand. Damit alle teilhaben können an dem, was die Twitterer unter sich kommunizieren.

Nur der Oberhipster macht wieder alles anders: Die analoge Twitterwall auf der re:publica 2012 (via Spreeblick).

„Twitterer unter sich“ –  an sich ist das eine paradoxe Aussage.

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i share therefore i am

Sherry Turkle erwischt einen wunden Punkt. „I’d rather text than talk“ offenbart sie während des Vortrags auf der TED Conference im März 2012. Und ich fühle mich ertappt. Bin ich letztens nicht erst im Club einer neuen Bekanntschaft aus dem Weg gegangen, um dann nachts, kurz vorm Einschlafen, dem Bekannten auf Facebook zu schreiben, was er verpasst hat, wie schade es war, dass er nicht dabei sein konnte, aber das nächste Mal bestimmt … Als ich also die Chance auf eine reale Kommunikation mit einem physischen Gegenüber verstreichen ließ, formte ich in meinem Kopf schon die Facebook-Nachricht und den Tweet, den ich später möglicherweise versenden würde.

Und das macht mir Angst. Nicht, weil ich glaube würde, dass soziale Netzwerke per se böse sind, ich glaube, dass sie mein Leben deutlich vereinfachen. Aber der Ansatz, eine virtuelle spätere Situation einer Hier-und-Jetzt-Situation vorzuziehen, das halte ich für bedenklich. Sicher, oft kommt das nicht vor, wahrscheinlich habe ich das Gespräch im Club auch deshalb nicht geführt, weil mir etwas am Gegenüber nicht passte. Und trotzdem, habe ich verlernt, Dinge auszuhalten?

Ist etwas, das auf den ersten Blick nicht perfekt passt, gleich nicht würdig, sich damit zu beschäftigen? Das berührt ja nicht nur Dinge wie das Kennenlernen von Menschen, das Zuhören in Konferenzen, das Beobachten der Umgebung während des Wartens, sondern und vor allem auch das Konsumieren von Nachrichten, das Beschaffen von Informationen und die Ausbildung von Meinungen.

Die Tendenz, sich in Technik zu flüchten und das analoge Leben zu verlassen, Dinge nicht aushalten zu müssen und Situationen perfekt auf die eigenen Bedürfnisse zuzuschneiden, davor habe ich Angst. Angst, einen Teil jahrtausendalter Kultur zu verlieren. Nicht mehr allein sein zu können, sondern einsam zu werden.

mit kulturgeschichte ökonomie verstehen

Tomáš Sedláček ist gerade einmal 35 Jahre alt – gerade einmal, wenn man sich seinen bisherigen Karriereverlauf anschaut: er war Berater von Václav Havel und jetzt Chefvolkswirt der größten tschechoslowakischen Bank, Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrates und Dozent an der Uni Prag.

Im Februar ist seine kritische Sicht auf den Kapitalismus Die Ökonomie von Gut und Böse auf Deutsch erschienen. Weiterlesen

eigentlich sind wir erwachsen

Eigentlich sollten wir erwachsen werden steht da, unübersehbar, auf jedem Titel des einzigen nicht spartengebundenen Magazins Deutschlands für Frauen und Männer – oder besser für Mädchen und Jungs. Erwachsenwerden ist schließlich was für Spießer. Wie lässt es sich sonst erklären, dass in den vergangenen Jahren alles dafür getan wird, jugendlich, wild und knackig rüberzukommen. Hollywoods Schönheitswahn und der Wettstreit um den jüngsten Liebhaber zwischen Demi Moore, Madonna und ihren vielen Nachahmerinnen mal außen vor gelassen. Das hat etwas mit fehlendem Selbstbewusstsein zu tun.

Nein, ich meine die Bemühungen von uns allen, möglichst cool, unkompliziert und jung zu erscheinen. Und man alles dafür tut, nicht langweilig zu werden. Bloß nicht nach dem Büro nach Hause und auf dem Sofa einschlafen, die Pantoffel ordentlich neben dem Couchtisch stehend. In der Mode helfen dagegen neonfarbene Oberteile oder, für die, die nicht ganz so mutig sind, bunte Accessoires. Wohnen sollte man in einer hippen Gegend, spärlich eingerichtet, möglichst kein Bett sondern nur eine Matratze auf dem Boden. Rückenprobleme sind was für später. Weiterlesen

engel links, teufel rechts … oder so

Zur Zeit herrscht eine ziemliche Aufregung, wenn es um „das Internet“ geht: Google ändert zum 1. März seine Datenschutzbestimmungen, Facebook führt die Chronik sukzessive für alle ein und ein deutscher Politiker prophezeit den Untergang der Netzkultur. Letzteres wird definitiv nicht eintreten, für Erstaunen hat die Aussage dennoch gesorgt. Eine weit hitzigere Diskussion wird derweil um die ersten beiden Punkte geführt.

Vereinfacht gesagt stehen sich zwei Positionen gegenüber: Die Sorglosen und die Besorgten. Den Sorglosen ist es egal, dass Google und Facebook munter Daten sammeln. Nutzen können die Firmen sowieso nur die wenigsten Informationen und was in Zukunft damit passiert, ist … nun mal Zufkunftsmusik. Die Besorgten hingegen sehen hinter jeder 0 und 1, die sie im Netz hinterlassen, einen Angriff auf ihre Persönlichkeit und es gilt für sie, die Hoheit über alle Daten zu behalten.

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occupy gilmore girls

Das erste, was mir einfällt zum Thema Occupy, ist das genaue Gegenteil von Stars Hollow, der vor Spießigkeit strotzenden Kleinstadt der Gilmore Girls. Was mir in den Sinn kommt sind junge Männer und Frauen in Karohemden und Stoffschuhen, Jutebeutel und große, dunkle Brillen tragend. Und bunte Zelte, wild durcheinander aufgeschlagen. Gleich danach liegen vor meinem geistigen Auge zottelige Obdachlose und Herumsteicher in und zwischen den Zelten. Dann tauchen die Müllberge auf, die diese große Menschenmenge produzieren musste.

Das ist alles andere als eine romantische Vorstellung von einer friedlichen Zelt-Protest-Bewegung. Vielleicht weil ich weiß, wie viel Organisation ein Zelturlaub mit sich bringt. In so einem Stadtpark wollen sanitäre Anlagen und Versorgungszelte aufgebaut werden, um das Nötigste zu nennen. Dann kann noch einiges hinzukommen: Irgendetwas muss immer repariert werden, irgendjemand interessiert sich sicher für die neuesten Nachrichten, jemand sucht eine Beschäftigung, ein anderer möchte sich bewegen …

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