Kategorie: sehen

die öffentlich-rechtliche mär einer natürlichen gesellschaft

Als gestern Nacht zwischen 23.10 Uhr und 0.25 Uhr laute Empörungsrufe aus meinem Wohnzimmer erschallten, war es mitnichten ein Fußball-Fan der die Zusammenfassung des DFB-Pokal Spiels vom Abend sah. Nein. Ich habe vielmehr versucht, die Gesellschafts-Talkrunde Menschen bei Maischberger zu sehen.

Thema sollte der baden-württenbergische Bildungsplan sein, der vorsieht sexuelle Vielfalt im Unterricht zu behandeln. Nur – leider ging es nicht darum. Weiterlesen

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be a beast

Es ist der Film des Jahres. Punkt. Viel mehr brauche ich eigentlich nicht sagen über Beasts of the Southern WildAußer vielleicht, dass der Film mich beim filmfest Braunschweig regelrecht umgehauen hat. Grandios gefilmt, eindrucksvolle Bilder vom überschwemmten New Orleans, ein einfacher wie absolut stimmiger Soundtrack und vor allem: eine umwerfende Hauptdarstellerin umringt von tollen Laiendarstellern, denen man das Laientum nicht anmerkt.

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the sound of the artist

„Heute nachmittag durfte schon jeder, der wollte, seinen Oscar anfassen“ mit dieser eindeutig gemeinten, vom Publikum zweideutig aufgefassten Anekdote, leitete Festivalleiter Volker Kufahl einen wunderbaren Abend ein. Gemeint war der Acadamy Award für die beste Filmmusik des Komponisten Ludovic Bources. Erhalten hat er ihn für The Artist, der Film, der bei 2012 einen Oscar nach dem anderen abräumte. Im Rahmen des Internationalen filmfest wurde der Film nun abermals in Braunschweig gezeigt. Diesmal mit der Orginalmusik aufgeführt vom Staatsorchester Braunschweig. Mit dabei der Komponist.

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… und am ende der show ist da soviel ungutes gefühl

Für diesen Post muss ich ein wenig ausholen.

Im Frühjahr startete Roche und Böhmermann auf zdf.kultur. Dass es keine einfache Fernsehshow werden wird, war den Moderatoren klar, war den Machern klar, war dem ZDF klar. Charlotte Roche war Musikfernsehmoderatorin als Musikfernsehen noch Punk war. Sie hat nackt mit Bela B. gesungen (also zumindest im Video). Zuletzt hat sie als sogenannte Skandalautorin auf sich aufmerksam gemacht. Jan Böhmermann gehört zu den jungen Wilden: Er war Sidekick bei Harald Schmidt, moderierte die Außenwetten von Wetten dass… ?, macht unangepasste Radiosendungen und tingelt mit Klaas Heufer-Umlauf und einem Liveprogramm durchs Land.

Es war also klar, dass es nicht einfach werden würde, wenn diese beiden Moderatoren durch eine Talkshow führen wollen. Zumal das Konzept ebenfalls nicht unbedingt als angepasst gelten kann: „Rauchen, Saufen, Diskutieren Streiten Reden Unterhalten Fremdschämen“

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i share therefore i am

Sherry Turkle erwischt einen wunden Punkt. „I’d rather text than talk“ offenbart sie während des Vortrags auf der TED Conference im März 2012. Und ich fühle mich ertappt. Bin ich letztens nicht erst im Club einer neuen Bekanntschaft aus dem Weg gegangen, um dann nachts, kurz vorm Einschlafen, dem Bekannten auf Facebook zu schreiben, was er verpasst hat, wie schade es war, dass er nicht dabei sein konnte, aber das nächste Mal bestimmt … Als ich also die Chance auf eine reale Kommunikation mit einem physischen Gegenüber verstreichen ließ, formte ich in meinem Kopf schon die Facebook-Nachricht und den Tweet, den ich später möglicherweise versenden würde.

Und das macht mir Angst. Nicht, weil ich glaube würde, dass soziale Netzwerke per se böse sind, ich glaube, dass sie mein Leben deutlich vereinfachen. Aber der Ansatz, eine virtuelle spätere Situation einer Hier-und-Jetzt-Situation vorzuziehen, das halte ich für bedenklich. Sicher, oft kommt das nicht vor, wahrscheinlich habe ich das Gespräch im Club auch deshalb nicht geführt, weil mir etwas am Gegenüber nicht passte. Und trotzdem, habe ich verlernt, Dinge auszuhalten?

Ist etwas, das auf den ersten Blick nicht perfekt passt, gleich nicht würdig, sich damit zu beschäftigen? Das berührt ja nicht nur Dinge wie das Kennenlernen von Menschen, das Zuhören in Konferenzen, das Beobachten der Umgebung während des Wartens, sondern und vor allem auch das Konsumieren von Nachrichten, das Beschaffen von Informationen und die Ausbildung von Meinungen.

Die Tendenz, sich in Technik zu flüchten und das analoge Leben zu verlassen, Dinge nicht aushalten zu müssen und Situationen perfekt auf die eigenen Bedürfnisse zuzuschneiden, davor habe ich Angst. Angst, einen Teil jahrtausendalter Kultur zu verlieren. Nicht mehr allein sein zu können, sondern einsam zu werden.

rock´n´roll am sonntagabend

Der Tagesspiegel berichtet von furchtlosen Kriegern, die unterwegs sind im deutschen Fernsehen. Genauer im deutschen Spartenfernsehen. Was schade ist, denn Charlotte Roche und @Jan Böhmernann revolutionieren zwar nicht das Fernsehen, wie es im Pressetext heißt, aber sie sind Moderatoren des sicher interessantesten und kurzweiligsten Fernsehformate der vergangenen Jahren.

Während Günter Jauch in der ARD durch seine perfekt geplante Talkshow führt, versuchen Roche & Böhmermann auf zdf.kultur ihre fünf Gäste aus der Maschinerie einstudierter PR-Strategien zu locken. Das gelingt nicht immer, aber das macht nichts. Denn Scheitern gehört hier genauso dazu wie der Zigarettenqualm und der Wiskey, der den Gästen serviert wird. Bestenfalls entwickeln sich packende Gespräche, schalten sich alle Gäste in alle Gespräche ein, stellen Fragen und kritisieren auch mal offen die Moderatoren. Weiterlesen

mit kulturgeschichte ökonomie verstehen

Tomáš Sedláček ist gerade einmal 35 Jahre alt – gerade einmal, wenn man sich seinen bisherigen Karriereverlauf anschaut: er war Berater von Václav Havel und jetzt Chefvolkswirt der größten tschechoslowakischen Bank, Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrates und Dozent an der Uni Prag.

Im Februar ist seine kritische Sicht auf den Kapitalismus Die Ökonomie von Gut und Böse auf Deutsch erschienen. Weiterlesen

there are (no) clean getaways

Faszinierend, wie ausdrucksstark ein leerer Blick sein kann …

An Ryan Gosling kommt man zurzeit nicht vorbei: Von Komödie über politisches Drama bis hin zum Actionfilm ist er in allen Genres und allen Kinosälen vertreten, auch im weniger beachteten, aber von Filmkritikern hoch gelobten Blue Valentine  spielte er die Hauptrolle. Nicht ohne Grund wird er daher als eine der größten Entdeckungen der vergangenen Jahre gehandelt.

Und obwohl ich nur Drive gesehen habe, kann ich nach 100 Minuten Ryan Gosling die Aufregung um seine Person verstehen. Nicht unbedingt die der Frauen- und Gossipmagazine, aber die der Kritiker, Schauspielkollegen, Regisseure und natürlich der Kinogänger. Unglaublich, wie ausdrucksstark er, fast ohne Worte, den namenlosen Fahrer spielt. Wie leer sein Blick dabei ist. Sekundenlange, gefühlte minutenlange, Großaufnahmen seines Profils – ohne die geringste Regung im Ausdruck – und trotzdem glaubt man, die ganze Geschichte des Mannes zu kennen.

Absolut sehenswert. Nicht nur wegen des Drivers, sondern vor allem wegen der herausragenden Regieleistung, für die Nicolas Winding Refn in Cannes zurecht mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde. Und auch wegen des Filmsettings, wegen der 80er-Jahre-Zitate, wegen der tollen Nebendarsteller, wegen …