Kategorie: lesen

geschichten aus dem sumpf

796 Seiten liegen hinter mir. 796 Seiten zwischen mir und den Bewohnern der Corner. Sie sind die Protagonisten des gleichnamigen Buches von David Simon und Ed Burns. Auf ihr Leben beruht eine der erfolgreichsten Serien im amerikanischen Fernsehen. Aber da ist noch mehr: Sie sind echt. Gary McCullough, Fran Boyd, DeAndre, Blue, Fat Curt und all die anderen leben (oder lebten) in Baltimore. Ihr Alltag spielt sich ab zwischen der Fayette und Monroe Street. Jeder Tag gleicht dem anderen – trostlos und dennoch unausweichlich. Simon und Burns beschreiben das echte Leben echter Menschen. Vielleicht kann man sich deshalb so schwer von ihnen lösen, wird man hineingezogen in ihr Leben. Mit jeder Seite wächst die Anteilnahme, will man wissen, wie es ihnen ergeht, ob sie den nächsten Tag überleben.

Weiterlesen

tierisch feuer im text

Was kommt wohl dabei raus, wenn man (als „man“ darf der Leser sich hier einen Slacker vorstellen) sich in eine politisch interessierte Kunstaktivistin verliebt? Markus Köhle findet in seinem neuesten Roman Hanno brennt eine eindeutige Antwort: eine Verhaftung als Staatsfeind Nr. 1. Und das, obwohl Hanno für seine neue Flamme eigentlich nur harmlose Tiergedichte und -geschichten schreiben wollte: „Ihr Tier ist mein Metier – Neubau-Schnauze“.

Eigentlich war das Ganze ja eine Schnapsidee, im wahrsten Sinne des Wortes. Aber um das Mädchen, dass er da gerade auf der Party kennen gelernt hat, zu beeindrucken, muss ein Tiergedicht her. Und weil das erste gar nicht so schlecht ausfällt und im Kühlschrank wieder gähnende Leere herrscht, beschließen Hanno und sein Mitbewohner Karl, eine Agentur für Tiergeschichten zu gründen. Weiterlesen

looks like journalism

it´s the end of the musikzeitschrift as we know it

Wunderte ich mich noch angesichts des – sagen wir kryptisch gehaltenen – Editorials der neuesten Ausgabe der Spex (Ein Foto mit Hyazinthen, dazu ein Gruß der beiden Chefredakteure: „Liebe Leserinnen, liebe Leser, wir wünschen viel Freude mit dieser Ausgabe“), gibt mir die Wochenendausgabe vom 5./6. Mai der Süddeutschen Zeitung einen Hinweis: Wibke Wetzker und Jan Kedves werden ersetzt durch Torsten Groß, ein ehemaliger Rolling Stone-Redakteur. Daraufhin habe, so die SZ, die gesamte Redaktion gekündigt.

Und ich bin wütend. Weiterlesen

überall games, games, games …

So kann man auch unliebsame Werbung loswerden:

Just One More Game …

Sam Anderson spielt ziemlich viel auf seinem iPhone. Eigentlich ständig und vor allem „stupid games“. Dabei hat er sich als junger Erwachsener  geschworen, keine Videospiele mehr zu spielen. In dem Artikel auf nytimes.com erzählt er, wie irgendwie seine Kinder Schuld am neuen Suchtverhalten sind. Und nebenbei führt er den Leser in die Geschichte des Spielens ein.

(Highlight des Artikels ist aber definitiv das „stupid game“)

das monster namens leben

Wenn man, nachdem man den dunkelgrünen Buchdeckel betrachtet hat, eine verschwommene Waldlandschaft mit eingestanzten, weißen Buchstaben MONSTER, wenn man also danach das Buch aufklappt, zur ersten Textseite blättert, die nicht links, sondern rechts auf Seite 6 beginnt, und wenn man dann Worte liest wie plötzlich, Scheinwerferlicht, Mensch, Tier und töten, dann hat einem das Buch schon gepackt. Die erste Geschichte. Auf der ersten Seite. Diese Grundstimmung, in die Benjamin Maack den Leser hineinführt, verlässt einen während der 189 Seiten nicht mehr. Monster ist eine Sammlung von Geschichten und Fragmenten, deren Protagonisten alle Benjamin heißen. Und obwohl die einzelnen Erzählungen alleine stehen (sollen), vermischen sie sich, weiß man manchmal nicht, ob es noch der Benjamin mit diesen gerade gelesenen Kindheitserfahrungen ist oder doch ein ganz neuer Benjamin, ein für den Leser noch zu füllendes weißes Blatt. Dabei warnt Maack den Leser ausdrücklich, die einzelnen Fragmente und Geschichten gedanklich zusammen zu führen. „Auch so eine Sache: Denken viele, ist aber gar nicht so, dass nur, weil es die ganze Zeit um dieselben Leute geht, etwas schon eine Geschichte ist. Das können ja genauso gut einfach Sachen sein, die wem passieren. Zusammenhangloses Zeug.“ Aber das stimmt nicht, zumindest nicht in diesem Buch.

Weiterlesen

wer ist hier eigentlich kein berliner?

Kreativ, ständig beschäftigt, immer auf der Suche nach irgendetwas – und erschöpft. Erschöpft und unglücklich in der Alles-ist-möglich-Welt. Die Figuren in Jörg Albrechts Roman Beim Anblick des Bildes vom Wolf suchen ihr Lebensglück. Und wo sollte man suchen, wenn nicht in der Hauptstadt der Kreativen, in der Stadt, die niemals schläft. Heute. Jetzt. Morgen. Also in Berlin. Dass es ein Berlin-Roman ist, ist ab den ersten Sätzen klar. Auch, wenn eine echte Verortung erst spät im Buch folgt.

Wer sich bei dem Titel auf eine dunkle Geschichte in schattigen Wäldern und nächtlichen Straßen gefreut hat, wird enttäuscht. Albrechts Roman glänzt und glitzert an der Oberfläche, auch bei Nacht und vor allem bei Nacht. Weiterlesen

sag ruhig wir

Wir benutzen das Internet nicht, wir leben darin und damit. Das Internet ist für uns keine Technologie, deren Beherrschung wir erlernen mussten und die wir irgendwie verinnerlicht haben. Das Netz ist ein fortlaufender Prozess, der sich vor unseren Augen beständig verändert, mit uns und durch uns.

Piotr Czerski spricht in Wir, die Netz-Kinder aus, was ich denke. Treffendere Worte hätte ich nicht finden können.

im lesefluss mit dem sandfluss

Ein schmaler Band ist es geworden, der Roman Am Sandfluss von Gyrðir Elíasson. Und doch entfaltet Elíasson auf 137 Seiten eine Geschichte über Leben, Einsamkeit, Natur und Tod, die mehr erzählt als manch dicker Wälzer. Das gelingt ihm durch verschiedene Erzählebenen; neben der Ich-Erzählung des Protagonisten, ein vereinsamter Maler, baut Elíasson über die Natur und über Verweise auf Briefe von van Gogh, einer Biographe über Chagall sowie auf andere Maler und Literatur zwei weitere Ebenen ein, die der Gedankenwelt des Ich-Erzählers einen Rahmen geben.

Wir begleiten einen Maler im Sommer und Herbst auf seiner Reise zum Selbst. Er hat sich zurückgezogen aus der Stadt, lebt jetzt in einem Wohnwagen auf einem Campingplatz am Rande eines Waldes, durch den sich der titelgebende Sandfluss schlängelt. Weiterlesen