Kategorie: hören

räume erobern

Der Opener Grandmothers Mountain nimmt einen gleich gefangen: O Emperor beginnen ihr neues Album Vitreous ganz zurückgenommen und direkt, und steigern sich dann im Verlauf des Songs zu imposanten Klängen mit Violine, Schlagzeug und Bass. Und gerade auch deshalb entfaltet sich ein musikalischer Raum, der im Verlauf des Albums ganz unterschiedlich bespielt wird. Aber aus diesem Raum kommt der Hörer nicht mehr heraus, ist in ihm und mit der Musik gefangen. Ganz dicht dran an Song und Band. Und dann doch wieder ganz weit weg – in den Sphären in die uns O Emperor durch ihre Musik schicken. Jedes Lied entfaltet eine ganz eigene Dichte, durch Simplizität wie in Grandmothers Mountain oder durch das mit Hall überzogene Stück Holy Fool, das gleichzeitig die erste Single ist. Das gesamte Album entfalten die Iren von O Emperor eine Landschaft, grün, waldig, lebendig. Nur lassen sie diese Landschaft nicht ziehen, eher sperren sie sie in einen sakralen Raum ein. Den Hörer, der sich in diesen Raum hineinwagt, belohnen sie mit Versatzstücken aus der Pop- und Rockgeschichte, mit psychedelischen Ideen, die manchmal fragmentarisch, aber nie frickelig wirken. Am besten klingen O Emperor, wenn sie ohne Verzerrung und Hall ihren Sound finden – wenn sie direkt sind und ihren Raum abstecken. Dann bleibt man gerne länger gefangen in Song-Landschaften, Ideen und Melodien.

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ein abend voller geburtstagslieder

20 Jahre Intro wollen gefeiert werden, deshalb lud das Magazin ein zu vielen Konzerten mit vielen Künstlern, die Intro schon lange begleitet haben und noch immer begleiten. In Lingen im Alten Schlachthof waren es dEUS und Dear Reader, die dem Magazin ihr Geburtstagsständchen bringen durften.

Zwanzig Jahre – im Musikgeschäft sind das eine lange Zeit. Wer nach zwanzig Jahren noch da ist, der ist es zurecht. So wie dEUS. Die gibt es in diesem Jahr auch seit zwanzig Jahren und so wurden an diesem Abend gleich zwei Geburtstage gefeiert.

dEUS auf der Bühne zu erleben war dann doch ganz anders, als ich es erwartet hatte. Warum kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen, denn es war ein perfekter Konzertabend: Sound, Licht und Choreografie, alles stimmte. Das Publikum: bunt gemischt. Von den Fans der ersten Stunde (einer erzählte im Vorfeld von einem Konzert, das er 1994 besucht hatte) bis hin zu Fans, die bei Gründung der Band noch nicht auf der Welt waren. Ein bisschen Rolling-Stone-Weekender-Stimmung also inklusive.

Jetzt aber endlich zur Musik. Als die fünf Bandmitglieder die Bühne betraten, da wusste man, dass es ein gutes Konzert wird. Höchstprofessionell waren die ersten Schritte und höchstprofessionell waren auch noch die letzten Schritte von der Bühne. Dazwischen haben dEUS gut eineinhalb Stunden gespielt oder besser – ihren Klangteppich ausgerollt. Es war laut und es war faszinierend zu sehen, wie sie aus welchen Instrumenten welche Klänge hervorbringen. Ganz unaufgeregt haben sie einen Hit an den anderen gereiht (bei zwanzigjähriger Tätigkeit ist ja auch eine gewisse Auswahl da), ohne Schnitzer, wie aufgenommen. Die Musiker waren routiniert, aber trotzdem hat man ihnen den Spaß, auf der Bühne zu stehen, angesehen.

Und das hat sich auch auf das Publikum übertragen. Die Damen im Saal haben getanzt als hätte es die Shoegazer-Bewegung nie gegeben, die Männer verhaltender. Das Licht war bestens auf die Musik abgestimmt: Mal kalt und grün, vor allem bei Lieder von Vantage Point, mal warm und gelb, blau und lila, rot – jeder Stimmung seine Farbe, jeder Stimmung seinen Klang. Es war ein schöner Geburtstagsabend.

Übrigens: das Drumherum war auch nicht zu übertreffen. Es gab kostenlosen Gehörschutz und Gratis-Wasser zum Abkühlen nach dem Konzert. 100 Punkte für die Organisatoren.

das gefühlskalte bürgertum

Warum diese Understatement in der Deutschen Hochkultur? Ich meine nicht das der Kulturschaffenden, sondern das der Adressaten. Obwohl, Understatement ist das falsche Wort. Viel mehr geht es um die Gemütskühle des Publikums.

Heute Abend habe ich Premiere gefeiert: Ich war bei meinem ersten Sinfoniekonzert. Und es war toll. Um nicht zu sagen, es war bombastisch. Was sicherlich daran lag, dass ich mir für mein erstes Sinfoniekonzert Gustav Mahler ausgesucht habe. Weil ich auf Pathos und Bombast stehe, da lag Mahler nahe. Der tosende, minutenlange Applaus am Ende des Konzerts hat gezeigt, dass nicht nur ich die 90 Minuten Musik genossen habe. Aber während der 90 Minuten hat man das Gefallen oder Nichtgefallen nicht erschließen können. Noch nicht einmal ein Raunen ging durch die Reihen. Klar, dass es während eines Konzerts des Staatsorchester anders zugeht als auf einem Rockkonzert, war mir bewusst. Dass aber auch andere Regeln gelten als in der Oper, nicht.

Irritiert hat mich, dass es keinen Applaus zwischen den einzelnen Sätzen gab. Da hob das Orchester mit aller Kraft an, jeder Musiker gab sein Herzblut in die letzten Takte, mit einem fulminanten Getöse endete der erste Satz – und ich war die einzige, die zu klatschen begann. Nun ja, es war ja auch mein erstes Mal, da darf man Fehler machen. Ich verstehe, dass die Musiker sich konzentrieren müssen. Aber während sie ihre Instrumente nachstimmen, kann doch ein wenig Lob vom Publikum erbauend sein und wenig schaden. In den nächsten vier Pausen habe ich übrigens alles richtig gemacht.

Dabei hätten die Musiker Szenenapplaus mehr als verdient: Mit viel Hingabe und körperlicher Anstrengung haben sie ihren Instrumenten die schönsten Töne entlockt. Da war der Mann, der die erste Geige spielt (dieser Witz musste sein),  also, da war der erste Geiger, der mit Schnappatmung auf seinem Stuhl wippte, der bei schwierigen Einsätzen sogar vom Stuhl hochhüpfte. Da war der Cellist, der mit „schhhhhht“ sich selbst beruhigte. Da waren diverse Musiker, die vor Anstrengung das Gesicht verzogen, die wippten und laut aufatmeten, wenn der letzte Ton gespielt war. Und da war der Dirigent, der auf seinem Podest fast tanzte, der schon nach kurzer Zeit ins Schwitzen kam und der laut mitsummte. Wirklich laut. So laut, dass das Publikum es vernehmen konnte. All die Arbeit war während des ganzen Konzerts zu sehen und zu spüren, aber keiner hat sie honoriert – während des Konzerts wohlgemerkt, im Anschluss mehr als genug.

Ganz anders bei Popkonzerten. Da wird vom Publikum lautstark Gefallen und Nichtgefallen kundgetan. Nach und bei gelungenen Musik-, Tanz- oder Gesangsdarbietungen von Bandmitgliedern jubelt das Publikum. Auch wenn das Lied dann noch nicht zu Ende ist, wenn es gefällt, wird gejubelt; zum Beispiel bei diesem Trompetensolo (nach ca. 4:30 min.):

Wenn der kleine Mann noch singt, ist zwar die Oper noch nicht zu Ende, einen Applaus für den Musiker gibt es trotzdem.

Nachtrag: Der Musikkritiker Alex Ross (ist durch The Rest is Noise bekannt geworden) erzählt in einem Interview mit der SZ (26.1.2012), dass „die Konzerterfahrung bis Ende des 19. Jahrhunderts vollkommen anders war. Das Publikum war viel lauter, man kam und ging und applaudierte in den unmöglichsten Momenten. […] Ich sehne mich nicht zurück zum Tumult des 17. und 18. Jahrhunderts, aber es gibt Wege, die ganze Sache weniger förmlich zu machen.“ Seine Worte in die Ohren der exklusiven Klassik-Szene.

wenn ein standpunkt doch möglich ist

Ein verspäteter Geburtstagsgruß an Marshall McLuhan:

Rückwärts in die Zukunft: Marshall McLuhan im Zündfunk Generator Podcast.

Am 21. Juli vor 100 Jahren wurde in Edmonton, Alberta, Kanada Herbert Marshall McLuhan geboren. Er war der erste intellektuelle Pop-Star des Medienzeitalters, der Entdecker der Macht der Medien, ein Clown, ein Provokateur und überzeugter Katholik, ein Hippie-Guru wider Willen, das Orakel von John Lennon, Yoko Ono und Andy Warhol, der schwer zu ergründende Medientheoretiker, der bereits 1962 das Internet prophezeit hat.

die kreative klasse als stadtmarketing

Nicht nur für mich als sich ständig informierende Mitarbeiterin eines Seelenkäufers interessant: der Zündfunk Generator darüber, wie sich Städte die „Kreative Klasse“ zu eigen machen und für sich instrumentalisieren.

Zündfunk Generator: Das Gerade ist fast immer das Böse

Inhalt: Seitdem sich Städte nicht mehr nur als Selbstverwaltungen ihrer Bürger zur Daseinsvorsorge verstehen, sondern als unternehmerische Stadt begreifen, treten sie miteinander in den Wettbewerb. Innovation und Kreativität sind die Schlüsselbegriffe dieses urbanen Standortmarketings – mit dem Ziel Investoren und ihr Kapital anzulocken. Ob dies nun Großstädte sind wie Hamburg oder mittlere wie Ingolstadt – Künstler werden dafür gerne als Zugpferde instrumentalisiert. Aber mancherorts regt sich Widerstand. Der Zündfunk-Generator widmet sich deshalb am Beispiel der ‚Kreativ- und Talentstadt‘ Hamburg und der ‚Innovationshauptstadt Berlin‘ der Bedeutung von Künstlern und Kreativer Klasse für eine Stadt.