Kategorie: erleben

run, girl, run

Abends zwischen 18.00 und 21.00 Uhr gehört der Park den Läufern. Außer ein paar Hundebesitzer verirrt sich wochentags niemand in den Park, der nicht ausgestattet mit Funktionskleidung und Reflektoren eilig seine Runden dreht. Und auch, wenn ich es mir ungern eingestehe: Ich gehöre dazu. Weiterlesen

wenn einer eine reise tut …

dann tut er das häufig mit der Deutschen Bahn. Und es ist so, als würde man mit dem Eintritt in den Zug in ein Paralleluniversum eintreten.

Je nach Beweggrund der Reise und der Art des Zuges ändert sich das Universum. Morgens zum Beispiel, in einer Regionalbahn kurz vor sieben. Da sitzen die anonymen Pendler, das Frühstück in leuchtend gelber Pappe und Papiertüten. Weiterlesen

nächtliche beobachtungen an einem großen hauptbahnhof

Wenn einer eine Reise tut … verbringt er viel Zeit auf Deutschlands Bahnhöfen. Zumindest, wenn er wie ich mit dem Zug reist. Daraus resultierend: eine Liste. Endlich!

  • Je bekleideter die Frauen, desto sympathischer erscheinen sie mir.
  • 90 % der Mädchen und jungen Frauen tragen sehr durchsichtige Strumpfhosen zu sehr kurzen Röcken.
  • Tragt das bitte nicht! Es sei denn, ihr wollt im horizontalen Gewerbe Karriere machen.
  • Die anderen 10 % Mädchen und Frauen warten auf den nächsten Zug.
  • Je dicker die Beine, desto kürzer der Rock.
  • High-Heels machen den wenigsten Frauen schöne Beine. Eigentlich genau einer. Und einer halb. Alle anderen stacksen wie Störche durch den Bahnhof.
  • Es gibt drei Arten, mit betrunkenen Freunden umzugehen: mit Nichtachtung strafen, lachen und liegenlassen; an der Hand durch die Halle zerren; Kaffee und Salami-Baguette von Yorma holen. Ich wünsche mir letztere Freunde.
  • Die besten Rhymes entstehen nach 1 in der früh im Stuhlkreis vor dem geschlossenen Bahnhofscafé.
  • Seit die Polizisten ihre blauen Allzweck-Anzüge tragen, ist der Respekt geschwunden und die Unzufriedenheit gewachsen. Zumindest bei mir. Ich plädiere für schicke Uniformen.

where have all the poets gone

Jetzt hat sogar schon die lokale Tageszeitung über den Poetry Slam am vergangenen Wochenende berichtet. Dabei sollte man doch meinen, die Netzkultur sei schneller. Ist sie auch, nur ich eben nicht immer. Trotzdem möchte ich hier noch meine Sicht des Braunschweiger Slams vom 17.2.2012 loswerden.

Dabei geht es mir nicht um die Veranstaltung an sich, sondern eher um die Entwicklung der Poetry Slam-Kultur im Allgemeinen. Kurz vorweg: Das neue Konzept mit neuem Moderator und mit musikalischer Begleitung hat dem Poetry Slam sichtlich gut getan. Slammaster Dominik Bartels konnte den Spannugsbogen über den gesamten Abend – gut dreieinhalb Stunden – halten, hat das Publikum mit seiner charmanten Art unterhalten und gleichsam den Slammern in ihren Persönlichkeiten genügend Raum gegeben. Vor allem aber waren die Texte der Poetry Slammer ausgewogen und qualitativ auf einem durchaus respektablen Niveau.

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das gefühlskalte bürgertum

Warum diese Understatement in der Deutschen Hochkultur? Ich meine nicht das der Kulturschaffenden, sondern das der Adressaten. Obwohl, Understatement ist das falsche Wort. Viel mehr geht es um die Gemütskühle des Publikums.

Heute Abend habe ich Premiere gefeiert: Ich war bei meinem ersten Sinfoniekonzert. Und es war toll. Um nicht zu sagen, es war bombastisch. Was sicherlich daran lag, dass ich mir für mein erstes Sinfoniekonzert Gustav Mahler ausgesucht habe. Weil ich auf Pathos und Bombast stehe, da lag Mahler nahe. Der tosende, minutenlange Applaus am Ende des Konzerts hat gezeigt, dass nicht nur ich die 90 Minuten Musik genossen habe. Aber während der 90 Minuten hat man das Gefallen oder Nichtgefallen nicht erschließen können. Noch nicht einmal ein Raunen ging durch die Reihen. Klar, dass es während eines Konzerts des Staatsorchester anders zugeht als auf einem Rockkonzert, war mir bewusst. Dass aber auch andere Regeln gelten als in der Oper, nicht.

Irritiert hat mich, dass es keinen Applaus zwischen den einzelnen Sätzen gab. Da hob das Orchester mit aller Kraft an, jeder Musiker gab sein Herzblut in die letzten Takte, mit einem fulminanten Getöse endete der erste Satz – und ich war die einzige, die zu klatschen begann. Nun ja, es war ja auch mein erstes Mal, da darf man Fehler machen. Ich verstehe, dass die Musiker sich konzentrieren müssen. Aber während sie ihre Instrumente nachstimmen, kann doch ein wenig Lob vom Publikum erbauend sein und wenig schaden. In den nächsten vier Pausen habe ich übrigens alles richtig gemacht.

Dabei hätten die Musiker Szenenapplaus mehr als verdient: Mit viel Hingabe und körperlicher Anstrengung haben sie ihren Instrumenten die schönsten Töne entlockt. Da war der Mann, der die erste Geige spielt (dieser Witz musste sein),  also, da war der erste Geiger, der mit Schnappatmung auf seinem Stuhl wippte, der bei schwierigen Einsätzen sogar vom Stuhl hochhüpfte. Da war der Cellist, der mit „schhhhhht“ sich selbst beruhigte. Da waren diverse Musiker, die vor Anstrengung das Gesicht verzogen, die wippten und laut aufatmeten, wenn der letzte Ton gespielt war. Und da war der Dirigent, der auf seinem Podest fast tanzte, der schon nach kurzer Zeit ins Schwitzen kam und der laut mitsummte. Wirklich laut. So laut, dass das Publikum es vernehmen konnte. All die Arbeit war während des ganzen Konzerts zu sehen und zu spüren, aber keiner hat sie honoriert – während des Konzerts wohlgemerkt, im Anschluss mehr als genug.

Ganz anders bei Popkonzerten. Da wird vom Publikum lautstark Gefallen und Nichtgefallen kundgetan. Nach und bei gelungenen Musik-, Tanz- oder Gesangsdarbietungen von Bandmitgliedern jubelt das Publikum. Auch wenn das Lied dann noch nicht zu Ende ist, wenn es gefällt, wird gejubelt; zum Beispiel bei diesem Trompetensolo (nach ca. 4:30 min.):

Wenn der kleine Mann noch singt, ist zwar die Oper noch nicht zu Ende, einen Applaus für den Musiker gibt es trotzdem.

Nachtrag: Der Musikkritiker Alex Ross (ist durch The Rest is Noise bekannt geworden) erzählt in einem Interview mit der SZ (26.1.2012), dass „die Konzerterfahrung bis Ende des 19. Jahrhunderts vollkommen anders war. Das Publikum war viel lauter, man kam und ging und applaudierte in den unmöglichsten Momenten. […] Ich sehne mich nicht zurück zum Tumult des 17. und 18. Jahrhunderts, aber es gibt Wege, die ganze Sache weniger förmlich zu machen.“ Seine Worte in die Ohren der exklusiven Klassik-Szene.

pathetic moments

Lasst es mich so formulieren: Ich fühle mich gerade so pathetisch-melancholisch gut und gleichzeitig frei, stark und dass mich nichts erschüttern kann … irgendwie fühlt sich mein Leben jugendlich an, mit ein wenig Distanz. Also ziemlich gut. Schuld daran sind insbesondere ein Buch und ein Film.

Beim Internationalen filmfest Braunschweig habe ich Submarine gesehen. Das Spielfilmdebut des britischen Regisseurs Richard Ayoade ist ein coming-of-age Film, spielt in Wales und ist einfach großartig. Ein Film, der die Gefühle und winzigen Beobachtungen von Protagonist Oliver Tate einfängt. Ein Film, der Gefühle in Bilder umsetzen kann. Was bestimmt damit zusammenhängt, dass er im Stil von Musikvideos gedreht wurde, mit viel Feuerwerk und grellbunten Sonnenbrillen, mit Super 8-Filmschnipseln und Polaroid-Pictures, mit Slow-Motion-Momenten und Freezed Gestures. Dazu ein eigens komponierter Soundtrack, zum Teil mit Liedern von Alex Turner, Sänger der Arctic Monkeys.

Herzzerreißend, wie Außenseiter Oliver Tate seiner ebenso nerdige Klassenkameradin Jordana sein Herz schenkt und sich ihrs erkämpft. Rührend, wie er durch die tägliche Kontrolle des elterlichen Schlafzimmers deren Ehe analysiert und sie zu retten versucht. Und erfrischend, mit welcher systematischen Interpretation sein und das Leben seines Umfelds kommentiert.

 

Und passend zu diesem Film habe ich tags zuvor The Perks of Being a Wallflower (Vielleicht lieber morgen) von Stephen Chbosky zu Ende gelesen. Das Buch handelt von Charlie, dessen Verhalten tatsächlich manchmal etwas seltsam ist, und seinem Versuch, am Leben teilzunehmen. In Briefform erzählt er dem Leser das High School-Leben aus seiner Sicht, analysiert und kommentiert das Verhalten seiner Umgebung. Dabei zeigt er für jeden Verständnis, sucht nach Beweggründen und Erklärungen. Genauso wie Oliver Tate aus Submarine ist es die gewisse Naivität, das Altkluge aber auch dieses Aus-der-Welt-sein, mit der er einen sofort für sich einnimmt.

Und dann schleicht es sich von innen, aus der Bauchgegend bis in den Kopf, das Gefühl, die ganze Welt liegt vor einem mit unendlich viel Zeit, sie zu entdecken. Und dass es jetzt viel wichtiger ist, den Moment zu genießen, schließlich leuchten die knallgelben Blätter gewiss nicht mehr lange unter dem klaren Herbsthimmel.

Zeit, die Jugend zu feiern

und jetzt geradeaus in die welt, bitte

Das Wochenende habe ich an der HBK verbracht, zum Rundgang =  Kunstgucken, Zuhören und Tanzen. Am Ende des Sommersemesters zeigen die jungen Künstler der Öffentlichkeit, woran sie gearbeitet haben. Und das ist einfach sehr gut. Grundklassen neben Diplomarbeiten, den Unterschied sieht man manchmal, aber nicht immer.

Es ist schon erstaunlich, was die Studenten auf die Beine stellen, austellen, vorstellen. Ziemlich viel nämlich. Ich denke, niemand hat es geschafft, alles zu sehen. Ich zumindest nicht, obwohl ich an vier von fünf Tagen dort war.

Und jetzt sitze ich hier und weiß nicht, wo ich anfangen soll, was erzählen, was weglassen. Weiterlesen

die leichtigkeit des seins

Sie sind wunderschön. Die Skulpturen von Claire Morgan verzaubern durch filigrane Formen und luftige Geometrie. An seidenen Fäden hängen in regelmäßigem Abstand natürliche Materialien: Obst, Pflanzenblätter, Federn – und tote Tiere.

Bei Claire Morgan sucht man den ausgestopften Hirschkopf oder die wachende Eule allerdings vergebens. Sie präpariert Fruchtfliegen oder Vogelbabys. Auch Kaninchen und schwarze Krähen finden ihren Platz in den Werken der irischen Künstlerin.

by Claire Morgan

Sie versteht es in ihren Werken, geometrische Gleichmäßigkeit in Leichtigkeit umzusetzen, die Starre zur Bewegung zu bringen. Weiterlesen