run, girl, run

Abends zwischen 18.00 und 21.00 Uhr gehört der Park den Läufern. Außer ein paar Hundebesitzer verirrt sich wochentags niemand in den Park, der nicht ausgestattet mit Funktionskleidung und Reflektoren eilig seine Runden dreht. Und auch, wenn ich es mir ungern eingestehe: Ich gehöre dazu.

Dabei bin ich eigentlich gar keine Läuferin. Zumindest nicht freiwillig. Mein Ich würde niemals die Laufschuhe schnüren – zu langweilig und einseitig ist das Laufen, zu sehr beansprucht es die Gelenke und vor allem fehlt der reflexhafte Grund zum Rennen. Aber mein Über-Ich will, dass ich renne. Und es hat so einige Tricks auf Lager, wie es mein Ich überzeugen kann.

Trick 1: Erzähle möglichst vielen Menschen, dass du Laufen gehen willst.
Trick 2: Suche dir einen Partner, der mehr Motivation mitbringt als du selbst.
Trick 3: Schau mal, die vielen schönen Laufhosen, -schuhe, -shirts – willst du die nicht kaufen? Du siehst bestimmt total sportlich darin aus.
Trick 4: Wenn du Laufen gehst, musst du keinen anderen teuren Sport machen.

Weil ich gerne rede, habe ich natürlich allen erzählt, dass ich jetzt laufen gehen werde. Eine Laufpartnerin war auch schnell gefunden und die ist nach eigener Aussage sportbesessen. Naja, und die Funktionskleidung finde ich ziemlich schick. Also drehe auch ich jetzt meine Runden im Park. 

Dabei frage ich mich dann, wann es das angefangen, dass Joggen zu einer Art Volkssport geworden ist. Deutschland ist eine Fußballnation, heißt es gemeinhin. Ich habe das Gefühl, dass Deutschland eher eine Jogger-Nation ist. Gut, niemand steht am Straßenrand und feuert mich an, wenn ich jogge und von einer TV-Übertragung würde ich auch abraten – das will keiner sehen. Und trotzdem: 11,25 Millionen Menschen haben 2013 deutschlandweit in ihrer Freizeit Fußball gespielt, wohingegen es 20,33 Millionen Jogger in Deutschland gab. Wahrscheinlich macht Tchibo mittlerweile  mehr Umsatz mit Laufausrüstung als mit Kaffee. Nike erhebt die Joggerin zur wahren starken Frau, es gibt Magazine, deren Zielgruppe die Läufer sind.

Und wir, die wir abends unsere Runden drehen? Wir kaufen, was es zu kaufen gibt. Warum ein Kochbuch für Läufer, wenn es schon genügend Kochbücher für Sportler gibt? Warum eine Laufhose, wenn es auch jede andere Form von Sporthose tut? Bei den Schuhen lasse ich mich ja noch von der Notwendigkeit überzeugen, aber alles andere? Haarbänder für die modebewusste Joggerin? Headsets, um das wichtige Geschäftstelefonat mit dem Kunden in den USA noch unterzubringen?

Ich bleibe bei meiner neuen Hose (sieht besser aus und rutscht nicht), atmungsaktive Jacke, Schuhe und meine Freundin. Denn eigentlich geht es doch nur darum, eine halbe Stunde Spaß zu haben – und sich zwei Tage danach noch gut zu fühlen. Dafür bin ich dann auch gerne Klischee und laufe abends durch den Park. Mit all den anderen 20 Millionen Tchibo-Reflektoren-Jacken.

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