die öffentlich-rechtliche mär einer natürlichen gesellschaft

Als gestern Nacht zwischen 23.10 Uhr und 0.25 Uhr laute Empörungsrufe aus meinem Wohnzimmer erschallten, war es mitnichten ein Fußball-Fan der die Zusammenfassung des DFB-Pokal Spiels vom Abend sah. Nein. Ich habe vielmehr versucht, die Gesellschafts-Talkrunde Menschen bei Maischberger zu sehen.

Thema sollte der baden-württenbergische Bildungsplan sein, der vorsieht sexuelle Vielfalt im Unterricht zu behandeln. Nur – leider ging es nicht darum. Es ging vor allem darum, wie tolerant die Gesellschaft gegenüber Schwulen ist oder offensichtlich auch nicht ist (mit Olivia Jones und Jens Spahn saßen zwei Homosexuelle Männer als Vertreter der sexuellen Vielfalt in der Diskussionsrunde). Als Gegner der homosexueller Partnerschaften traten Birgit Kelle und Hartmut Steeb auf. Hera Lind komplettierte die Runde, wahrscheinlich war sie als „Normalo“ gebucht worden.

Und während es um alles ging, außer darum, dass Kinder in Schulbüchern eben nicht nur mit Vater-Mutter-Kind-Bildern konfrontiert werden – sondern auch der Klassenkamerad mit den beiden Müttern eine echte Familie hat –, sagte Hartmut Steeb den für mich dümmsten Satz des Abends:

Gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften seien nicht gleichwertig mit der Hetero-Ehe, weil es nicht natürlich ist. Aha. Er sprach dann auch noch von unserer Gesellschaft, deren natürliche Form die Ehe sei, in der Kinder geboren werden. Ich möchte hier nicht auf die Engstirnigkeit aller Diskutanten eingehen, das haben andere schon ausführlich getan, zum Beispiel Stefan Niggemeier oder die Süddeutsche Zeitung.

Aber wie kann jemand in einer Talkshow, deren Gäste und Gastgeberin allein aufgrund ihrer Berufe ein gehobener Bildungsstand zuzuschreiben ist, behaupten, Gesellschaft sei natürlich und niemand (!) widerspricht? Steeb und Kelle sahen sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, sie hätten mittelalterliche Ansichten. Wenn die Aussage über die natürliche Form der Gesellschaft unkommentiert im Raum stehen bleibt, dann sind nicht nur Steeb und Kelle im Mittelalter stehen geblieben, sondern die gesamte Diskussionsrunde.

Wahrscheinlich sind mehr als die Hälfte der Diskussionsteilnehmer im Studium auf Jürgen Habermas gestoßen, der erklärt, dass Gesellschaft durch kommunikatives und soziales Handeln entsteht, während Natur keinen Normen unterliegt. Oder sie haben  schon einmal etwas von Niklas Luhmann gehört, von Judith Butler, von Èmile Durkheim, … Vielleicht auch von Rousseau, der den Menschen im Naturzustand beschreit.

Gesellschaft entsteht durch Normen. Normen werden kommunikativ verhandelt und sind deshalb immer im Wandel. Bis in die 1970er Jahre war es verboten, homosexuell zu sein. Menschen, die der gleichgeschlechtlichen Liebe bezichtigt wurden, wurden verhaftet oder getötet. In dieser Zeit hat die Gesellschaft die Norm kommuniziert, dass Homosexualität strafbar ist. Wohlgemerkt, die Gesellschaft hat sich diese Norm auferlegt. Ob es Menschen gab, die sich zu gleichgeschlechtlichen Personen hingezogen fühlten, war egal. Es waren Menschen aus Fleisch und Blut, lebendig, aber wie alle anderen, die sich einer Gesellschaft unterstellen, nicht natürlich.

Dabei war bis ins 13. Jahrhundert gleichgeschlechtlicher Sex nicht ungewöhnlich, in der Antike und im Römischen Reich schmückten sich die einflussreichen Männer sogar mit Jünglingen. Erst im Mittelalter wurde der homosexuelle Geschlechtsverkehr als Sünde eingestuft, später unter Strafe gestellt, bis hin zur Todesstrafe. All das geschah, weil sich Individuen in der Gesellschaft verhielten: Solange es niemanden gab, der sich an bestimmte Formen des Zusammenlebens störte, war es gesellschaftlich normal. Als dann durch das Christentum andere Wertvorstellungen verbreitet wurden und sich die Mehrheit nicht mit von Christentum abweichenden Lebensformen arrangieren konnte, wurden diese als unnormal gekennzeichnet und aus der Gesellschaft verbannt.

Wir können uns Gesellschaft auch als eine Person vorstellen, die von vielen Individuen beeinflusst wird. Es gibt Triebe, die unterdrückt werden, es gibt das Ich und es gibt das Über-Ich. Das Ich ist das, worauf sich alle Individuen einigen können. Durch die Aufhebung des §175 gilt Homosexualität zumindest rechtlich nicht mehr als unnormal. Jetzt muss die Gesellschaft in vielen (anstrengenden) Diskursen für sich herausfinden, was normal ist, was das Ich ist. Wie die Talkrunde aber auch die zahlreichen Petitionen gegen oder für den Erhalt des Bildungsplanes zeigen, gibt es Über-Ichs, die mitreden wollen, es gibt Triebe, die mitreden wollen. Und sollen. Das Ich aber sollte sich auf das konzentrieren, womit alle Individuen der Gesellschaft leben können. Und wenn dann auch noch die Rechte einzelner nicht gestört werden, ist vieles erreicht.

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