wenn einer eine reise tut …

dann tut er das häufig mit der Deutschen Bahn. Und es ist so, als würde man mit dem Eintritt in den Zug in ein Paralleluniversum eintreten.

Je nach Beweggrund der Reise und der Art des Zuges ändert sich das Universum. Morgens zum Beispiel, in einer Regionalbahn kurz vor sieben. Da sitzen die anonymen Pendler, das Frühstück in leuchtend gelber Pappe und Papiertüten. Sie sitzen sich schweigend gegenüber, kauend und manche die Zeitung durchblätternd. Alle anderen starren Löcher ins Nichts. Bis sie herausströmen, aus dem Bahnhof heraus, wie durchs eiserne Tor die Fabrik betretend, zu späterer Stunde wieder hinaus.

Die selbe Regionalbahn, eine Stunde später. Lärmend schieben sich Schüler auf die Sitze, durch die Gänge. Laut, ausgelassen, Witze reissend, grausam.

Zum Wochenende dann ist der Zug gefüllt mit Studenten, die nach Hause fahren und lautstark ihre „studentische“ Woche zum Besten geben, mit grölenden Gruppen, mit kreischenden Frauen auf dem Weg zum Partywochenende. Ein Segen, wer einen Platz ergattert. Ein Fluch, wenn der mp3-Player auf der Kommode zu Hause liegt.

Ganz entgegengesetzt das Universum, in dem ich mich gerade befinde. Ein ICE, das Land durchquerend. Gedämpfte Gespräche vereinzelter Reisender, Backpacker mit ihren Rucksäcken aus fernen Ländern. Neben mir eine Frau, die Geisteswissenschaftliches in ihren Laptop tippt. Mir gegenüber jemand, die Notenhefte für Chorgesänge studiert. Schräg gegenüber blättert eine Studentin durch die neue Monopol, vor mir ein Jugendlicher, der den Spiegel liest. Daneben ein Mann, der eiftig Zahlen und Stichwörter aus seinem Laptop notiert. Eine junge Mutter stillt fast unbemerkt ihr Baby, sauber hängen Anzugjacken an den dafür vorgesehenen Haken.

Und am Ende der Zugfahrt gesellt sich meine zerlesene Zeitung zu sämtlichen Exemplaren der Frankfurter Allgemeinen oder Süddeutschen Zeitung. Beim Ausstieg dann hat mich die reale, von der Klassentrennung befreite Welt wieder. Hier durchmischen sich Anzüge mit Arbeitshosen, grölende Schüler mit zurückgenommenen Musikern – laut und durcheinander, alles andere als geordnet.

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