do something

Quelle: http://www.interiorsuk.com/g/2012/logos/karine_kong__make_things_happen.jpg

Karine Kong

Man müsste einfach mehr Zeit haben. Mehr Zeit für die Zeitung am Frühstückstisch. Mehr Zeit zum Skypen mit der Freundin im Ausland. Mehr Zeit für den Roman auf dem Nachttisch, fürs Longboardfahren-lernen, zum Im-Park-liegen, zum Leben.

Aufstehen, ins Büro fahren, arbeiten, nach Hause fahren, vielleicht noch zum Sport oder doch lieber durch das Fernseherprogramm (ab)schalten und dann schlafen. Überhaupt mal schlafen. Ständig bin ich müde. Und das, obwohl es so viel zu tun gäbe. Da wartet die berufliche Weiterqualifikation darauf, endlich angegangen zu werden. In Konkurrenz dazu stehen die Freunde, die ich gefühlt viel zu selten sehe. Und eben der Roman, die Idee, das Projekt …

Und trotzdem fallen mir abends die Augen zu, sobald ich mich nur in die Nähe meines Sofas bewege.

Woran das liegt? Ich habe da eine Idee. Nie zuvor hatte ich so viele Möglichkeiten, nie zuvor wartete die ganze Welt darauf, von mir entdeckt zu werden. Zu Schulzeiten war mein Tagesablauf bestimmt: Schule, Freunde, Sport, Schlafen. Vielleicht Fernsehen. Aber was gab es abends schon für Jugendliche in meinem Alter an ansprechenden Inhalten in den wenigen Kanälen? Es gab schon das Internet, aber dass ich dadurch die Welt entdecken konnte – mit einem Modemanschluss und Eltern, die mit Taschengeldkürzungen drohten, wenn ich stundenlang die Leitung blockierte – kurz: die Entdeckungsreise im Netz war auch nichts für mich.

Heute ist das anders. Heute habe ich einen schnellen Internetzugang mit Flatrate (die aus verschiedenen Gründen nicht gedrosselt werden darf (#netzneutralität)), ich kann meine Lieblingsserien im Netz schauen, Musiksendungen hören, wann ich will, es gibt viel zu viele interessante Podcasts und in sämtlichen Mediatheken kann ich Sendungen und Beiträge nachschauen, die ich verpasst habe. Ganz zu schweigen von Blogs, Twitter, Wikipedia, bereitgestellten pdfs,  Slideshares … um einige Dienste zu nennen, mit denen ich mich informiere. Hinzu kommen sämtliche Netzwerke, in denen ich kommuniziere mit vielen Freunden, denen ich vor zwanzig Jahren einen Brief im Jahr geschrieben hätte. Zum Geburtstag.

Womit die Überleitung zum Offline-Leben geschafft wäre. Natürlich schreibe ich auch weiterhin Briefe und Postkarten. Gerne sogar. Genauso gerne gehe ich ins Kino, auf Konzerte, treffe mich mit Freunden in Bars und Restaurants, gehe ins Theater und zu Ausstellungen, zum Fußball … Und ich würde so gerne mal wieder mich richtig in Literatur eintauchen. Und all das mache ich auch in meiner Freizeit. All das kostet Geld und ich bin wirklich glücklich, dass ich mir all das leisten kann. Dass ich in einer mittleren Stadt die Möglichkeit zu dieser Freizeitvielfalt habe. Es ist so schön, dass mein Leben sich so entwickelt hat, dass ich all das genießen kann.

Natürlich, dafür habe ich mich entschieden. Denn zu all den oben genannten Punkten gäbe es zahlreiche Alternativen: vom Verzicht über  weniger  Ressourcen bis hin zu gesundheitlichen Einschränkungen. Ich will mein Leben so, wie es ist.

Dafür arbeite ich. Und schon wieder sind wir bei den vielen, vielen, vielen Möglichkeiten, die sich bieten. Wir leben in einer so hoch ausdifferenzierten Arbeitswelt, dass man den Beruf sowieso nicht mehr lernen kann. Man braucht eine gewisse Grundkenntnis, aber dann stehen einem doch in einem bestimmten Bereich ganz schön viele Türen offen. Ich arbeite seit knapp fünf Jahren und zwar unter der vierten Berufsbezeichnung im zweiten Unternehmen. Wobei sich meine Tätigkeit grundsätzlich nicht geändert hat (Denken, Schreiben, Organisieren). Nur eben das Finetuning hat sich geändert.

Worauf ich hinaus möchte: Es gibt zu viele Möglichkeiten. Und ständig muss ich mich entscheiden, was jetzt in diesem Moment das Richtige für mich ist. Denn wenn ich mich für den Kinobesuch entscheide, fallen Lesen und mit Freunde treffen raus. Wenn ich mich für den einen Job entscheide (sofern der Arbeitgeber sich auch für mich entscheidet) fallen die anderen interessanten Arbeitsstellen raus. Das sind die großen Entscheidungen. Hinzu kommen die vielen kleinen: Mein Laptop ist schon ganz schön alt, ich könnte einen neuen gebrauchen. Aber welchen? Mein Handyvertrag müsste verlängert werden. Brauche ich ein Auto? Langsam sollte ich auch mal Urlaub nehmen – nur wohin soll es gehen? Schweden, Kuba, Istanbul? Strand- oder Zelturlaub?

Dieser Zwang zur Entscheidung zerrt an meine Kräfte, die ich so viel besser in etwas Produktives umwandeln könnte. Ganz zu schweigen von der Zeit, die mit Telefonaten und Überlegen draufgeht. Vor einiger Zeit hat die Süddeutsche Zeitung eine Wissensseite gebracht zum Thema Entscheidungen (gerade zwei Tage, nachdem ich mich zum Schreiben dieses Posts entschieden habe – leider gibt es den nicht in der Online-Version). In dem Artikel Die Qual nach der Wahl (SZ, 20./21. April 2013) beschreibt Christian Weber, was nach einer großen Entscheidung passiert: „Ach, hätte ich doch!“ Zum Glück gibt es den gesunden Menschenverstand, oder besser die rationale Schutzfunktion, die gute Argumente für die gefallene Entscheidung bringt. Der verregnete Urlaub in Schweden war doch gar nicht so schlecht, schließlich ist man zum Lesen gekommen. Und immer noch besser, man hat etwas getan, als wenn man etwas unterlassen hat. Denn man verkraftet es laut einer Studie (Gilovich/Medvec) besser, etwas Falsches getan zu haben, als etwas unterlassen zu haben. Und er endet mit dem Appell, mehr Mut zu großen Entscheidungen! Und dem möchte ich mich anschließen. Es ist toll, dass wir so viele Möglichkeiten hätten. Also entscheidet euch. Macht was! Wenn da nur nicht die 1000 anderen Möglichkeiten wären.

Übrigens: Diesen Beitrag habe ich geschrieben, während ich mit zwei Büchern, einer Zeitung und meinem Laptop auf dem Balkon saß und nicht wusste, womit ich anfangen soll.

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s