#aufschrei

Ich gebe zu, ein wenig spät dran zu sein. Vieles wurde schon gesagt über Herrenwitze und Mitarbeiterinnen in kurzen Röcken, vieles wurde missverstanden, manches aus dem Weg geräumt. Eigentlich wollte ich mich nicht zur #aufschrei-Debatte äußern. Nicht, weil ich sie für überzogen oder falsch halte. Einfach deshalb, weil mir die Dichotomie, die im Zuge der Diskussion aufgemacht wird, schwer über die Lippen kommt. Überspitzt heißt es: Männer machen Herrenwitze über Frauen in zu enger Bluse und zu engem Rock.

Das muss nicht sein. Vor allem muss es nicht sein, attraktiven jungen Frauen vorzuhalten, sie verhielten sich absichtlich so, das Anbaggern unumgänglich sei. Eigentlich glaube ich nicht an einem Unterschied zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht. Eigentlich. Denn die Realität zeigt täglich ein anderes Bild. Aber bei der #aufschrei-Debatte geht es eben nicht nur um Frauen und Männer. Vielmehr geht es um Macht, wie es Kia Vahland in der Süddeutschen Zeitung vom 29. Januar 2013 schreibt. Menschen (ich möchte nicht nach Geschlecht trennen)  machen anderen Menschen (zweideutige) Komplimente. Sie sagen, wie gut das neue Outfit doch passen würde, wie intelligent der Gegenüber sei, wie nett, wie hinreißend. Das alles klingt zunächst schön und erstrebenswert. Wenn kein Machtgefälle mitschwingt. Denn diese Dinge werden manchmal nicht deshalb gesagt, um der Person gegenüber einen Gefallen zu tun. Menschen sagen sie, um ihre eigene Machtposition zu stärken. Komplimente dieser Art können nur von Personen ausgesprochen werden, die mindestens eine Gesellschaftsstufe höher stehen, als der Angesprochene.

Die Frage nach dem fortgeschrittenen Alter Brüderles war sicher von der Stern-Reporterin Laura Himmelreich als Provokation gedacht. Allerdings handelte es sich hier um eine rein geschäftliche Provokation, die von Brüderle umgehend in eine sexuelle Provokation umgewandelt wurde. Einen ebenso jungen Reporter hätte er sicherlich anders behandelt.

Dabei müssen es nicht immer sexuelle Anspielungen sein, die Frauen in der Machtfrage degradieren. Es sind harmlose Sätze wie „Hätte ich Sie doch fünf Jahre früher kennengelernt …“ vom Geschäftspartner oder „Wenn ich doch nicht verheiratet wäre …“ vom Kollegen. Ja, was wäre denn dann? Als ob das etwas an der Situation ändern würde. Die Sätze aber implizieren, dass die Angesprochene den Mann ganz, ganz toll findet. Dass sie sich nichts mehr vorstellen kann, als ein Leben mit diesem Mann zu teilen. Dass zu einer funktionierenden Beziehung immer noch mindestens zwei Personen gehören, wird ausgeblendet. Ich gehe davon aus, dass diese Männer das im Privaten durchaus leben. Im Geschäftlichen sieht das anders aus. Und die Frau? Wie soll sie sich dazu verhalten? Ist die Angesprochene auch noch Single, hat sie gefühlt wenig zu erwidern. Fast immer findet sich in solchen Sätzen ein Machtgefälle und sei es qua Altersunterschied.

Diese Sätze mögen nur so daher gesagt sein, sie lösen aber ein ungutes Gefühl aus. Weil sich die Angesprochene nicht wehren kann. Eigentlich ist es schließlich ein Kompliment. Und anzüglich sind sie auch nicht. Und so ärgert man sich noch Wochen später, keine kluge Antwort parat zu haben. In dieser Situation war man unterlegen. Unnötig. Und ohnmächtig.

Durch Komplimente Macht auszunutzen geht auch ohne Worte. Ganz ohne sexuellen Gedanken. Wenn zum Beispiel ein Sänger vor seiner Backroundsängerin auf die Knie geht. Damit zeigt er zwar Respekt vor ihrem Gesang, aber er macht es eben auch öffentlich und suggeriert damit auch, dass er in der Position ist, den Respekt durch einen Kniefall zu äußern, ohne damit sein Gesicht zu verlieren. Vielmehr seine Position zu stärken. Vor seinem Publikum. Das zuvor mit lautstarkem Applaus die Stimme der Sängerin gefeiert hat. Mit dieser Geste biedert er sich dem Publikum an (schaut, ich finde sie so toll, dass ich auf die Knie gehe) und der Sängerin (schau, ich finde dich toll), vor allem verdeutlicht er aber wieder, wer der Herr im Haus ist – nämlich er.

Ein Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s