… und am ende der show ist da soviel ungutes gefühl

Für diesen Post muss ich ein wenig ausholen.

Im Frühjahr startete Roche und Böhmermann auf zdf.kultur. Dass es keine einfache Fernsehshow werden wird, war den Moderatoren klar, war den Machern klar, war dem ZDF klar. Charlotte Roche war Musikfernsehmoderatorin als Musikfernsehen noch Punk war. Sie hat nackt mit Bela B. gesungen (also zumindest im Video). Zuletzt hat sie als sogenannte Skandalautorin auf sich aufmerksam gemacht. Jan Böhmermann gehört zu den jungen Wilden: Er war Sidekick bei Harald Schmidt, moderierte die Außenwetten von Wetten dass… ?, macht unangepasste Radiosendungen und tingelt mit Klaas Heufer-Umlauf und einem Liveprogramm durchs Land.

Es war also klar, dass es nicht einfach werden würde, wenn diese beiden Moderatoren durch eine Talkshow führen wollen. Zumal das Konzept ebenfalls nicht unbedingt als angepasst gelten kann: „Rauchen, Saufen, Diskutieren Streiten Reden Unterhalten Fremdschämen“

Unterhaltsam ist die Sendung, keine Frage und warum habe ich hier beschrieben. Immer schrammt sie knapp an der Peinlichkeitsgrenze vorbei – für wen peinlich, bleibt dabei offen. Immer ist sie chaotisch. Manchmal scheint es, als ob gerade wirklich niemand auch nur ansatzweise HerrIn über die Szene sei. Immer verläuft die Talkrunde alles andere als geplant. Und deshalb ist sie auch immer neu.

Die Talkrunde ist angetreten, alles anders zu machen. Das heißt, sie will auch keine Werbesendung für sein. Und so passiert es, dass Jessica Schwarz, die versiert in allen anderen Talkformaten für ihren neuen Film wirbt, einfach nicht zu Wort kommt. So passiert es aber auch, dass Gäste deutlich verärgert sind. Sie wollen erzählen – no matter what. Und wenn sie nicht können, dann reagieren sie auch mal unschön.

(Besonders) Jan Böhmermann ist nicht für seinen netten Gesprächsstil bekannt. Umso überraschender, dass sich so etwas wie ein Eklat bei einem Gast ereignete, den Charlotte Roche interviewte. Max Herre. Max Herre wollte über sein neues Album sprechen, weil Roche das aber anscheinend nicht so gut fand oder es tatsächlich vorher nicht gehört hat (wie behauptet) fragte sie ihn über Produktionsdinge aus. Das gefiel Herrn Herre nicht und er drängte Charlotte Roche erfolgreich dazu, Stellung zum Album zu nehmen. Als die nicht so ausfiel, wie er wollte, verließ er das Studio.

Jan Böhmermann auf der anderen Seite des Tisches schwitzte deutlich. Und der Zuschauer vor dem Fernseher ebenfalls. Irgendwie war die ganze Szene unangenehm für alle. Auch für den Zuschauer. Warum? Weil wir es nicht mehr gewöhnt sind, dass vor laufender Kamera gestritten wird. Und ich meine keine Pseudo-Debatte, sondern ein richtiges Streitgespräch oder ein richtiger Streit um Wahrnehmungen, wie der zwischen Roche und Herre. Weil eben jedes Wort genau kalkuliert, jeder Satz im Vorfeld genau bewertet und jede Aussage an bestimmten Stellen platziert wird. Unangenehme Wahrheiten spricht keiner an. Auch nicht ein Claus Kleber, der vor Ahmadinejad kapitulieren muss.

In der Talkrunde vom 9.9.2012 reihen sich Szenen aneinander, die weit davon entfernt sind, Wohlfühlfernsehen zu sein. Dabei werden keine wichtigen politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Themen diskutiert, sondern schnöde Gespräche über Menschen, deren Berühmtheit von Z bis D reicht. Die Gäste sind Dreh- und Angelpunkt jeder Gesprächsrunde und manchmal sind einzelne so schlimm, dass alle anderen nicht über sie hinwegtäuschen. In dieser bestimmten Ausgabe waren es mehrere Gäste, die unangenehm auffielen. Jan Böhmermann und Charlotte Roche konnten sie nicht einfangen und auch nirgendwo abholen, dass ein längeres sinnvolles Gespräch entstand. Einfach geht anders.

Und ich als Zuschauer konnte mich nicht entscheiden zwischen „Das ist mir zu doof, ich schalte aus“ und „Wie geil ist das! So muss Fernsehen sein“. Um es kurz zu machen: So muss Fernsehen nicht sein. Eher so, wie die Sendung dieser Woche. Was aber bringt mich dazu, trotz ständigem Scham- und Mitgefühl, die Ausgabe für gelungen (in ihrem Unterhaltungswert) zu bezeichnen? Ist es die Lust, Menschen scheitern zu sehen? Ist es der Voyeurismus, Stars und Sternchen sich selbst dekonstruieren zu sehen? Oder ist es einfach nur das Gefühl, bei etwas wirklich Avantgardistischem dabei zu sein. (Die Sendung ist nicht avantgardistisch, das Gefühl sie sei es, vermittelt sie trotzdem.) Bislang habe ich noch keine Antwort darauf gefunden. Und weil jede Ausgabe anders ist und neue Gründe liefert, werde ich wohl noch ein wenig brauchen, bis ich es herausgefunden habe.

Das Video zur besagten Sendung ist übrigens nicht mehr in der Mediathek auffindbar. Dazu gibt es keine Stellungnahme auf den Seiten der Beteiligten. Hier kann man sich die Sendung trotzdem anschauen.

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