geschichten aus dem sumpf

796 Seiten liegen hinter mir. 796 Seiten zwischen mir und den Bewohnern der Corner. Sie sind die Protagonisten des gleichnamigen Buches von David Simon und Ed Burns. Auf ihr Leben beruht eine der erfolgreichsten Serien im amerikanischen Fernsehen. Aber da ist noch mehr: Sie sind echt. Gary McCullough, Fran Boyd, DeAndre, Blue, Fat Curt und all die anderen leben (oder lebten) in Baltimore. Ihr Alltag spielt sich ab zwischen der Fayette und Monroe Street. Jeder Tag gleicht dem anderen – trostlos und dennoch unausweichlich. Simon und Burns beschreiben das echte Leben echter Menschen. Vielleicht kann man sich deshalb so schwer von ihnen lösen, wird man hineingezogen in ihr Leben. Mit jeder Seite wächst die Anteilnahme, will man wissen, wie es ihnen ergeht, ob sie den nächsten Tag überleben.

The Corner ist ein detaillierter Bericht über ein Viertel, das von Drogen beherrscht wird. In der Corner dreht sich alles um den nächsten Kick, gleich nach dem Aufstehen schlurfen sie aus ihren Löchern, den verfallenen Häusern, Überreste vergangener Träume, hinaus auf die Straße, in den Dreck. Nichts kann sie davon abbringen, keine Polizei noch nicht einmal faulende Gliedmaßen. 11-jährige Kinder werden in die Drogen-Gesellschaft eingeführt, die einst verschwiegen und kompliziert war, aber heute nur noch von zwei Regeln bestimmt wird: 1. Hol dir den Kick und 2. Sag niemals nie. Es gibt keinen Ausweg, irgendwann landet jeder am Boden. Und wenn es unter den zahlreichen Nachbarn doch jemanden gibt, der nicht selbst den Drogen verfallen ist, hat er zumindest einen aus dem Familienkreis an sie verloren. So wie die gute Ella Thompson, die vergeblich versucht die Kinder und Jugendlichen von der Straße fernzuhalten. Wie aussichtslos ihre Mission ist, weiß der Leser ziemlich schnell. Und doch bleibt die Hoffnung, besonders, wenn DeAndre sich zeitweilig die Corner meidet und wieder regelmäßig zur Schule geht.

Einige Monate wollten die Autoren an der Corner verbringen, ihre Bewohner beobachten, um anschließend eine Reportage schreiben über Baltimores aussichtslosen Kampf gegen die Drogen. Ein Jahr begleiteten sie schließlich die Bewohner, als stille Begleiter in Freud und Leid, wobei Leid eindeutig überwiegt. Ein weiteres Jahr benötigten sie dann, ihre Eindrücke zu ordnen und aufzuschreiben. Sich emotional von den Bewohnern zu lösen. Herausgekommen ist diese 276 Seiten-starke Reportage, die jetzt endlich im Verlag Antje Kunstmann auf deutsch erschienen ist.

Dass sie nun endlich übersetzt wurden, hängt sicherlich mit dem wahnsinnigen Erfolg der Serie The Wire zusammen. Während aber The Wire aus der Sicht der Polizisten erzählt ist, schildern Simon und Burns die Drogenszene aus Sicht der Betroffenen. Das hat seinen ganz eigenen Reiz. Denn so bleiben diejenigen, um die sich Buch und Serie drehen – die Bewohner der Corner – nicht außen vor. Im Gegenteil: Die beiden Autoren sind ganz nah dran, teilen Gespräche, Gedanken und Träume. Sie können die Beweggründe sichtbar machen, genauso wie die Praktiken. All das fällt bei The Wire weniger ins Gewicht. Allein deshalb lohnt es sich auch für Wire-Fans, dieses Buch zu lesen.

(Dieser Text wurde für die Kategorie „Buch der Woche“ des KingKing Shops geschrieben.)

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