r2d2 schreibt über fussball

Vor einiger Zeit habe ich Marco Maas einen unglaublich inhaltsstarken Vortrag über Datenjournalismus halten sehen und hören (wann, wo und warum und was passiert ist, kann man hier nachlesen). Um deutlich zu machen, wo Datenjournalismus eingesetzt wird und wie er sich (nach heutigem Erkenntnisstand) entwickeln wird, nannte er als Beispiel den Sportjournalismus. Maas erzählte von Spielberichte, die allein von Computer geschrieben werden – ohne dass ein Mensch auch nur eine Buchstabentaste betätigen muss. Kameras zeichnen den gesamten Spielverlauf auf, berechnen und vergleichen Daten, fassen die Ergebnisse zusammen und dann schreiben sie einen Text. Im Grunde ist es die konsequente Weiterentwicklung der Sportberichterstattung, wie wir sie alle schon im Fußball kennen. Anstelle von Beckmann, Müller-Hohenstein und den Fußballexperten Scholl und Kahn sind es nun eben Computer, die sinnentleerte Kommentare zum Spiel abgeben.

Dabei greifen die Maschinen auf die vielen, vielen, vielen, vielen, vielen Artikel über ähnliche Sportereignisse zurück, vergleichen die Daten und stellen aus den schon geschriebenen Sätzen neue Sätze zusammen. Ein Beispiel: Der Spieler an der Spitze schießt drei Tore, hat aber nur fünf Ballkontakte. Weil das häufig genug vorkommt, kann ein Satz gebildet werden, zum Beispiel: Schwacher Gomez hat dreimal Glück. (Dieser Satz ist ausgedacht.) Und je nachdem, ob das Medium, in dem der Text erscheinen soll, eher sachlich, eher blumig oder eher reißerisch ist, werden die Texte eben eher sachlich, blumig oder reißerisch. Der ebenfalls anwesende Sportjournalist übrigens fand das nicht so witzig, vielleicht fühlte er sich auch in seiner Profession nicht ernstgenommen, auf jeden Fall verließ er kurz nach dem Beispiel den Saal.

Und obwohl ich schon von Maschinen gehört habe, die Börsenberichte verfassen, dachte ich bei dieser Version der Geschichte: Ach, noch lange hin. Aber so tief war der Blick in die Kristallkugel gar nicht. Erst in dieser Woche las ich einen Bericht über die Schreibmaschinen (SZ, 21.6.2012), der all das, was Marco Maas erzählte, bestätigte. Mehrere Universitäten forschen derzeit an Software, die den menschlichen Journalisten ersetzt, zumindest in Standardsituationen.

Einerseits faszinieren mich die neuen Möglichkeiten, andererseits sehe ich der Entwicklung skeptisch entgegen. Maschinen, die Menschen ersetzen, waren den Betroffenen schon immer suspekt. Aber warum soll es einem Journalisten nicht ähnlich gehen wie einem Schweißer, dessen Arbeitsplatz plötzlich von einer großen, effizienteren Maschine eingenommen wurde? Von einer Maschine, die weder Pausen braucht noch krank wird und Fehler nicht programmiert sind. Eben. Nun kann man (wie im Artikel der Computerlinguist Sebastian Padó) anbringen, dass dem Computer das Weltwissen eines Menschen fehlt, unser kulturelles Gedächtnis. Computern verstehen nicht, was sie schreiben. Sie setzen einfach Zeichen aneinander. Das kann bei einfachen Zusammenfassungen von Börsenergebnissen egal sein, hier zeigt sich aber auch die große Gefahr: Was, wenn der Computer versehentlich einen Text als Quelle auswählt, in dem es eben nicht über veritable Daten sondern um Spekulationen ging? Noch schlimmer: Maschinen erkennen keine Ironie (manche Menschen auch nicht, aber das ist ein anderes Thema). Was also, wenn der Computer einen Text aus einem Satiremagazin referiert? Natürlich gibt es da Mittel und Wege, diese Wahrscheinlichkeiten so niedrig wie möglich zu halten, die Frage bleibt dennoch: Was wäre wenn?

Zurzeit verfassen die Schreibmaschinen Artikel über Finanzen, Immobilien und Sport, hauptsächlich über College-Spiele. So gespalten ich der Entwicklung auch entgegensehe, mal ehrlich, welcher Journalist möchte schon am Spielfeldrand stehen, wenn das Franklin College gegen das Bethel College Baseball spielt? Und er weder mit einem der Spieler verwandt, noch mit einer Cheerleederin verbandelt ist. Christopher Behrens nennt die Computer übrigens nicht Computer oder Maschinen sondern Robojournalist. Finde ich einen hübschen Gedanken: R2D2, der den ganzen Tag am Schreibtisch sitzt, piept und Sportartikel ausspuckt. Insofern ist der Robojournalist sicher angenehmer, als einige seiner menschlichen Kollegen.

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