zwitschernde scheinöffentlichkeit

Eine Twitterwall verhält sich zum Großereignis wie der Jutebeutel zum Großstädter: Wer mitschwimmen will im Coolnessbecken, sollte eine(n) haben. Und so projizert auf jeder großen, mittelgroßen und kleinen Konferenz, bei jeder Diskussionsrunde und überall dort, wo es um „irgendwas mit Medien“ geht, ein Beamer die getwitterten Statements an eine Wand. Damit alle teilhaben können an dem, was die Twitterer unter sich kommunizieren.

Nur der Oberhipster macht wieder alles anders: Die analoge Twitterwall auf der re:publica 2012 (via Spreeblick).

„Twitterer unter sich“ –  an sich ist das eine paradoxe Aussage.

Twitter versteht sich als offenes Informationsnetzwerk: Twitter is a real-time information network that connects you to the latest stories, ideas, opinions and news about what you find interesting. [Ob angemeldet oder nicht,] you still have access to the voices and information surrounding all that interests you. You can contribute, or just listen in and retrieve up-to-the-second information. Dass es aber nur eine Scheinöffentlichkeit ist, zeigt das eigene Verhalten. Als auf einer von mir besuchten Konferenz auf die Twitterwall hingewiesen wurde, fragte einer der Nutzer, halb im Scherz, ob man sich jetzt benehmen müsse, wenn alle mitlesen könnten.

Eigentlich müsste ich die Aussage jetzt belegen, mit einem Link auf den Tweet. Ich mache es nicht, weil ich es nicht wollen würde und nicht weiß, wie der Verfasser dazu steht. Diese Diskussion trifft wieder deutlich den Kern des Problems: Ist Twitter öffentlich oder nicht? Wie lange dürfen Tweets gespeichert werden? Welche Bedeutung darf den Aussagen beigemessen werden? Ganz explizit stellt sich die Frage bei der Verfolgung von Straftaten und einer möglichen Verurteilung.

Aber zurück zur Twitterwall. In ihr manifestiert sich die Exklusivität und das Sendungsbewusstsein der Twitternutzer: Seht her, wir haben was zu sagen. Wir können mit Worten umgehen. Und haben Wortwitz. Wir sind politisch interessiert und im Herzen ein bisschen Punk geblieben. Aber ihr könnt teilhaben an unserem Spaß, wir machen euch unsere Gedanken verfügbar.

Mit der Twitterwall bricht (ungewollt) der Nutzerkreis auf. Auf einmal wird einem die Reichweite der herausgelassenen Gedanken bewusst. Jeder kann mitlesen. Auch diejenigen, die den Wortwitz vielleicht ein wenig zu ernst nehmen. Die die Ironie nicht verstehen (Das mit der Ironie in publizierter Form ist ja sowieso schwierig, und besonders auf Twitter, wie unlängst der Streit um die Echtheit des Grass-Gedichts zwischen der FAZ und der SZ zeigt. Ein großartiges Beispiel). Mit der Twitterwall verlassen die Nutzer ihren geschützten Raum, mehr noch, sie geben ihr Exklusivrecht auf.

Obwohl Twitter öffentlich sein will, ist es doch eine Scheinöffentlichkeit. Twitter adressiert diejenigen, die partizipieren wollen, die sich im Club der Twitterer einfinden. Man kommt metaphorisch gesprochen nur auf Einladung rein (wenngleich die Einladung an alle ausgesprochen ist und die Einlasskontrollen sehr lasch gehandhabt werden). Mit der Twitterwall sind auf einmal alle drin. Daran müssen sich die eingefleischten Nutzer wieder gewöhnen. Und wie überall, wenn neue Mitglieder hinzukommen, nimmt man sich mit seinen Kommentaren zurück. Bis die Twitterwall schließt und man wieder öffentlich unter sich ist.

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