it´s the end of the musikzeitschrift as we know it

Wunderte ich mich noch angesichts des – sagen wir kryptisch gehaltenen – Editorials der neuesten Ausgabe der Spex (Ein Foto mit Hyazinthen, dazu ein Gruß der beiden Chefredakteure: „Liebe Leserinnen, liebe Leser, wir wünschen viel Freude mit dieser Ausgabe“), gibt mir die Wochenendausgabe vom 5./6. Mai der Süddeutschen Zeitung einen Hinweis: Wibke Wetzker und Jan Kedves werden ersetzt durch Torsten Groß, ein ehemaliger Rolling Stone-Redakteur. Daraufhin habe, so die SZ, die gesamte Redaktion gekündigt.

Und ich bin wütend. Habe ich doch letztens erst mein Abo verlängert. Nicht, weil ich die Spex als Musikzeitschrift besonders schätze. Denn, wie Marco Maurer richtig im SZ-Artikel Sie waren Legenden feststellt, Musikbesprechungen, -empfehlungen und das Aufspüren von Trends, findet längst nicht mehr in den Printmedien, sondern in Blogs, Foren und sozialen Netzwerken statt. Trotzdem lese ich die Spex gerne, weil sie eben nicht nur „aktuelle“ Musik vorstellt, sondern weil sie Richtungen des Pop einordnet und vor allem weil sie im Pop Themen setzt, in der gesamten Popkultur, nicht nur in der Musik.

Ich vertraue den Redakteuren, kenne ihre Schwerpunkte und ihre Haltung bestimmten Themen gegenüber. Die scheint nämlich unter all der Objektivität eines redaktionellen Textes durch, erfreulicherweise manchmal mehr als in anderen Magazinen.

Und das soll jetzt alles vorbei sein? Nach dem Weggang von Max Dax war von Anfang an die Rede davon, dass Wibke Wetzker und Jan Kedves zunächst als Experiment die Chefredaktion übernehmen. Sie haben es sehr gut gemeistert, wie ich finde, auch deshalb habe ich mich nicht um Verkaufszahlen und Branchennews gestürzt. (Auch deshalb bin ich mit meiner Reaktion etwas langsam.) Ich fühlte mich sicher mit der zweigeteilten Chefredaktion. Außerdem stand mit Wibke Wetzker endlich einmal eine Frau an der Spitze eines Musikmagazins. Mit dem neuen Chefredakteur, der jahrelang beim Rolling Stone gearbeitet hat, ist all das wieder verschwunden. Empfand und empfinde ich doch den Rolling Stone als Musikmagazin für Männer. Schon der Name ist männlich konnotiert, aber auch die dort verhandelten Themen sind männlich gefärbt. Sollte sich das auf die neu zu bildende Redaktion der Spex übertragen, möchte ich kein Abonnement besitzen. Kann man auch während des laufenden Jahres kündigen – aufgrund unvorhersebarer Änderungen? Ein Abo fußt schließlich auf Vertrauen. Vertrauen in eine bestimmte Blattpolitik, für die in persona die Redakteure stehen. Verschwinden die alle auf einen Schlag, verschwindet auch das Vertrauen. Das war schon 2007 so, als der Umzug von Köln nach Berlin stattfand und viele der Leser der neuen Redaktion das Vertrauen entzogen. Manche von Ihnen fanden es wieder, andere nicht. Ich gehöre nun zur zweiten Spex-Generation und werde wohl mit den Redakteuren gehen. Weil ich ein Kulturmagazin und kein Musikmagazin lesen möchte. 

Ein paar Worte zum Artikel Sie waren Legenden: Marco Maurer beschreibt den Bedeutungsverfall der Musikzeitschriften, die mit minütlich aktualisierten neuen Informationen aus dem Internet konkurrieren und mit schrumpfenden Leserzahlen kämpfen müssen. Die Musikzeitschrift, wie sie in bis in die Nullerjahre üblich war, wird verschwinden. Das zukünftige Musikjournal sieht anders aus, wie genau – das wird derzeit ausprobiert. Der Artikel war auf der letzten Seite des Feuilleton gedruckt. Auf der ersten Seite berichtete Jens Bisky über eine Veranstaltung an der Humbolt-Universität mit Rainald Goetz und Diedrich Diederichsen. Die beiden verteidigten die Zeitung als sinnstiftendes Moment. In ihrer Serialität diene die Zeitung (intendiert wie auch nicht intendiert) der Auseinandersetzung mit sich, der Umwelt, der Zeitung.

Übertragen auf die Popkultur übernimmt/übernahm für mich die Spex diese Rolle. Auch, wenn ich im Internet schneller an Informationen komme, hier erhalte ich eine Meinung, dich ich einordnen kann. Und darum geht es doch schließlich im (pop)kulturellen und gesellschaftlichen Diskurs: Sich über fremde Haltungen und Diskussionen einen eigenen Standpunkt zu erarbeiten.

Update: Die neue Ausgabe der Spex liegt nun durchgelesen vor mir. Über einige Artikel habe ich mich gefreut (zum Beispiel der Text von Caspar Battegay über Judentum und Popkultur, der über Antisemitismus im deutschen HipHop von Marcus Staiger oder der über Giorgio Agamben von Cord Riechelmann), allerdings musste ich aber auch Texte lesen, die mich absolut nicht überzeugen konnten (zum Beispiel die Tour-Reportage mit Maximo Park, die Geschichte über Scissor Sisters oder das Mode-Interview). Weil leider die weniger guten Texte überwogen, habe ich mein Abo gekündigt.

Das bedeutet: Auf zu neuen Abenteuern mit neuen Zeitschriften, für die ich bislang keine Zeit hatte. Ich freue mich!

3 Kommentare

    • Frau Pö

      Nee, habe ich nicht. Deshalb musste ich mich ja auch erst jetzt so aufregen. Aber ich habe es dann gerade gelesen und mich innerlich verabschiedet. Hoffentlich wird alles nicht so schlimm, wie es sich anhört.

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