das monster namens leben

Wenn man, nachdem man den dunkelgrünen Buchdeckel betrachtet hat, eine verschwommene Waldlandschaft mit eingestanzten, weißen Buchstaben MONSTER, wenn man also danach das Buch aufklappt, zur ersten Textseite blättert, die nicht links, sondern rechts auf Seite 6 beginnt, und wenn man dann Worte liest wie plötzlich, Scheinwerferlicht, Mensch, Tier und töten, dann hat einem das Buch schon gepackt. Die erste Geschichte. Auf der ersten Seite. Diese Grundstimmung, in die Benjamin Maack den Leser hineinführt, verlässt einen während der 189 Seiten nicht mehr. Monster ist eine Sammlung von Geschichten und Fragmenten, deren Protagonisten alle Benjamin heißen. Und obwohl die einzelnen Erzählungen alleine stehen (sollen), vermischen sie sich, weiß man manchmal nicht, ob es noch der Benjamin mit diesen gerade gelesenen Kindheitserfahrungen ist oder doch ein ganz neuer Benjamin, ein für den Leser noch zu füllendes weißes Blatt. Dabei warnt Maack den Leser ausdrücklich, die einzelnen Fragmente und Geschichten gedanklich zusammen zu führen. „Auch so eine Sache: Denken viele, ist aber gar nicht so, dass nur, weil es die ganze Zeit um dieselben Leute geht, etwas schon eine Geschichte ist. Das können ja genauso gut einfach Sachen sein, die wem passieren. Zusammenhangloses Zeug.“ Aber das stimmt nicht, zumindest nicht in diesem Buch.

Eins haben alle Benjamins gemeinsam: Sie wandeln durch das Leben wie im Schlaf, lassen Dinge mit sich geschehen, bleiben passiv, nehmen nicht Teil an dem, was draußen passiert. „Passiert eben alles.“ sagt der Protagonist in der letzten Erzählung im Buch, Benjamin, über das Leben. Und, dass die Geschichten das Leben schreibt: „Weißt du, es gibt Geschichten, die muss sich das Leben ausdenken. Da gibt es keine Spannungsbögen und keine Moral. Es gibt einfach diese Geschichten […].“

Dabei sind da doch Spannungsbögen in den Erzählungen, entwickeln sich die Benjamins zu Personen, die ohne Profil ein Profil bekommen. Maack greift geschickt auf, was ihr Leben zu erzählen hat, versieht es mit traurigen und manchmal lebensverneinenden Beobachtungen und schon lösen sich die Benjamins aus ihrem Umfeld, treten aus den Schatten, die die Menschen sind, und werden zu den wenigen, die eine Geschichte haben. Eine melancholische zwar, aber packend und in ihrer Passivität unglaublich präsent.

Tina Uebel schreibt über das Buch: „Unter Benjamin Maacks zärtlichem Blick tanzen seine Protagonisten in grausamschönen Choreografien. Still genug, das Gelärme der Welt zu übertönen.“

Als E-Book hier erhältlich.

(Dieser Text wurde für die Kategorie „Buch der Woche“ des KingKing Shops geschrieben.)

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