wer ist hier eigentlich kein berliner?

Kreativ, ständig beschäftigt, immer auf der Suche nach irgendetwas – und erschöpft. Erschöpft und unglücklich in der Alles-ist-möglich-Welt. Die Figuren in Jörg Albrechts Roman Beim Anblick des Bildes vom Wolf suchen ihr Lebensglück. Und wo sollte man suchen, wenn nicht in der Hauptstadt der Kreativen, in der Stadt, die niemals schläft. Heute. Jetzt. Morgen. Also in Berlin. Dass es ein Berlin-Roman ist, ist ab den ersten Sätzen klar. Auch, wenn eine echte Verortung erst spät im Buch folgt.

Wer sich bei dem Titel auf eine dunkle Geschichte in schattigen Wäldern und nächtlichen Straßen gefreut hat, wird enttäuscht. Albrechts Roman glänzt und glitzert an der Oberfläche, auch bei Nacht und vor allem bei Nacht. Die Erzählung wimmelt von Girls, ob es weibliche oder männliche Girls sind, ist nebensächlich. Geschlechtszuschreibungen funktionieren in diesem Buch nicht. Und manchmal, wenn die Reize der Nacht sie überfluten, werden die Girls zu Werwölfen. „Für jedes Girl ist Brutalität sehr weit weg. So weit weg wie sein Spiegelbild. Vom Girl zum Werwolf und zurück – eine Aussteigerstory.“

Aussteigen würden die Freunde Thies, Wanda, Jasper, Jonte und Pelle gerne, allein, sie können nicht. Sie sind gefangen in ihrer eigenen unwichtigen Wichtigkeit, werden mitgerissen vom Strom der Nacht, vom ständigen Rauschen der Stadt. Die letzte Ausfahrt haben sie schon vor Jahren verpasst. Sie sind Gefangene ihres eigenen Bildes. Dieses Bild, das eigentlich nur kopiert, schon einmal da gewesen ist. So wie alles im Berlin des Romans nur noch eine Referenz ist.

Nichts ist echt, noch nicht einmal der eigenen Körper. „Ein Gebäude aufbauen, wo dein Körper mal war, vor Jahren noch. Ich hab damit angefangen, um da draußen anders da zu sein […] Ich will nicht Maschine genannt werden, nicht Tier und nicht Monster. Nenn mich lieber Gebäude. Vor dem Spiegel in der Garderobe später mit dem Phone ein Foto schießen […], ein Beweisfoto zu erstellen dafür, dass hier ein Mann steht.“ Wenn man sich im Innern schon nicht männlich oder menschlich fühlt, dann muss wenigstens das Äußere alles aussagen. Denn Sichtbarkeit ist alles, das wissen sie. Deshalb haben sie auch wieder zu viele Aufträge angenommen, arbeiten Tag und Nacht und eigentlich auch nicht, obwohl, Party ist auch Arbeit: Netzwerkarbeit.

Und während sie arbeiten, arbeitet etwas ganz anderes im Kreativviertel. Dort, wo alle sichtbar sind, hinterlässt jemand blutige Spuren. Ein Werwolf? Was ist es, was in dieser Stadt arbeitet, Tag und Nacht? Thies und seine Freunde machen sich auf auch auf diese Suche und verlieren sich in ihr, in ihrem Leben, im Text. Albrecht springt von der Ich-Perspektive in die personale Erzählsituation, springt von einer Figur zur nächsten und ist als Ich-Erzähler dann wieder namenloser Teilhaber der Geschichte. Die Grenzen zwischen Mann und Frau, hetero und homo, Mensch und Tier werden aufgelöst in der Suche nach – nach was eigentlich. Vielleicht nach dem wahren Leben, vielleicht nach dem Ausstieg aus der Szene.

Thema des Romans ist die Suche nach Authentizität und die spiegelt sich auch in der Sprache wider. Jörg Albrecht wiederholt, verschachtelt, reiht Satzfetzen aneinander, dass einem schwindelig werden kann. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt mit schönen Ideen und viel Sprachwitz hinter den Oberflächlichkeiten und wiederholten Thesen über Berlin und seine Bewohner, die man überall hört.

(Dieser Text wurde für die Kategorie „Buch der Woche“ des KingKing Shops geschrieben.)

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