eigentlich sind wir erwachsen

Eigentlich sollten wir erwachsen werden steht da, unübersehbar, auf jedem Titel des einzigen nicht spartengebundenen Magazins Deutschlands für Frauen und Männer – oder besser für Mädchen und Jungs. Erwachsenwerden ist schließlich was für Spießer. Wie lässt es sich sonst erklären, dass in den vergangenen Jahren alles dafür getan wird, jugendlich, wild und knackig rüberzukommen. Hollywoods Schönheitswahn und der Wettstreit um den jüngsten Liebhaber zwischen Demi Moore, Madonna und ihren vielen Nachahmerinnen mal außen vor gelassen. Das hat etwas mit fehlendem Selbstbewusstsein zu tun.

Nein, ich meine die Bemühungen von uns allen, möglichst cool, unkompliziert und jung zu erscheinen. Und man alles dafür tut, nicht langweilig zu werden. Bloß nicht nach dem Büro nach Hause und auf dem Sofa einschlafen, die Pantoffel ordentlich neben dem Couchtisch stehend. In der Mode helfen dagegen neonfarbene Oberteile oder, für die, die nicht ganz so mutig sind, bunte Accessoires. Wohnen sollte man in einer hippen Gegend, spärlich eingerichtet, möglichst kein Bett sondern nur eine Matratze auf dem Boden. Rückenprobleme sind was für später. Sind die Wohnverhältnisse und das passende Outfit erstmal geklärt, muss man sich nur noch entsprechend verhalten. Feste Arbeitszeiten gehören genauso wenig zum erstrebenswerten Lebensziel wie Mittagessen um zwölf und keine Kohlenhydrate nach sechs. Wie soll das auch gehen, mit dem Mittagessen, wenn man erst um elf in der Agentur aufschlägt. Und mit den Kohlenhydraten, wenn man um 18 Uhr merkt, dass man den ganzen Tag noch nichts Vernünftiges gegessen hat. Also noch schnell Pizza/Nudeln/Döner/Sushi/gebratenen Reis bestellt, bevor es mit den Arbeistkollegen, dich gleichzeitig auch die besten Freunde sind, direkt von der Arbeit in die nächste Eckkneipe geht. Ein bis zwei Getränke sitzen locker drin. Und wie schön, wenn man dann doch so unvernünftig ist und es zwölf Bier werden. Rock´n´Roll, Baby.

Erwachsensein ist weit weg.

Aber ist es das wirklich? Was bedeutet heute Erwachsensein? Doch bestimmt nicht das Verhalten von Fräulein Rottenmeier, die war nämlich schon im 19. Jahrhundert uncool. Und es wird keiner bestreiten, dass Heidis Großvater sich trotz seiner Grimmigkeit nicht doch etwas von seiner kindlichen Leichtigkeit erhalten hat bzw. sie wiedererlangt. Meine Verwandten, keine Frage, die sind erwachsen. Auch wenn man ihr Verhalten es manchmal schwer zu glauben macht. Nicht, dass sie neonfarbene Kleidung tragen, ganz im Gegenteil: zum karierten Hemd und Jeans gibt es Goretex-Schuhe, weil die so praktisch sind, zum Wintermantel von Esprit trägt man ein Halstuch von Tchibo. Aber mit wie viel Lust mit ihren Kinder, Nichten und Neffen rumalbern … Nein, mit Strenge und Langweile hat Erwachsensein wenig zu tun.

Es geht viel mehr darum, Verantwortung zu übernehmen. Für sich und die Familie, den eigenen Eltern und später auch für die eigenen Kinder. Es geht darum, das eigene Leben meistern zu können, für sein Handeln einzustehen und vielleicht sogar darum, perspektivisch zu denken. Und wenn es dann zu schneien anfängt und man mit offenem Mund durch die Straßen läuft, ist man trotzdem erwachsen. Auch, wenn Männer (vorsicht Klischee, aber wahr) nicht an einen Ball vorbeigehen können, ohne zumindest einmal gegen ihn zu kicken. Auch, wenn man den Kinderwagen – unvernünftigerweise – den Berg hinunterrollen lässt. Auch, wenn man dem Jüngsten beibringt, freihändig Fahrrad zu fahren. Auch, wenn man unter der Woche völlig verkatert aufwacht und sich ins Büro schleppt, weil man nach dem Deichkind-Konzert mit den besten Freunden doch noch in die Disko nebenan gezogen ist. Auch, wenn man sich eigentlich noch zu jung dafür fühlt.

Eigentlich sollten wir erwachsen werden, werden wir also jeden Monat neu angelogen. Denn wir sind erwachsen. Zwischen 20 und 35, sich „einerseits die Unbeschwertheit und den Idealismus [der] Jugend erhalten wollen und andererseits die Notwendigkeit erkennen, das Leben in die eigene Hand zu nehmen“, so formuliert es die Marketing-Abteilung in den Mediadaten des besagten Magazins. Aus der Statistik liest man dann, dass 39% der Leser unter 2.000 Euro netto im Monat zur Verfügung haben, 22% bis 3.000 Euro und wieder 29% 3.000 Euro und mehr. 65% haben die Hochschulreife, die meisten Leser stammen aus einem gutbürgerlichen Milieu und wohnen urban. Entweder studieren sie (deshalb die 39% mit weniger als 2.000 Nettoeinkommen) und sind auf dem besten Weg in Zukunft gut zu verdienen oder sie haben haben ihre Ausbildung schon abgeschlossen und verdienen gut. Es sind alles Mädchen und Jungs, die längst Frauen und Männer sind. Leser, die über genügend Kapital verfügen, monatlich eine Zeitschrift zu kaufen, die sich um Liebe und Mode in klassischen Rollenbildern dreht. So modern ist die Bloß-nicht-Erwachsen-Zeitschrift nämlich.

Meinen jugendlichen Idealismus möchte ich auch noch mit 50 Jahren haben und wehe, meine Gelassenheit kommt mir einmal abhanden. Deshalb werde ich noch lange keine Berufsjugendliche. Ich bin und bleibe erwachsen, so wie wir alle. Vielleicht sind wir manchmal etwas unvernünftig, aber das war Jopi Heesters mit seinem Zigarettenkonsum auch. Achso: Manchmal gibt es nichts Besseres als auf dem Sofa einzuschlafen.

 

[youtube:http://www.youtube.com/watch?v=3SabCmG1ZPk%5D

Ein Kommentar

  1. Pingback: getting older | Frau_Pö

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