where have all the poets gone

Jetzt hat sogar schon die lokale Tageszeitung über den Poetry Slam am vergangenen Wochenende berichtet. Dabei sollte man doch meinen, die Netzkultur sei schneller. Ist sie auch, nur ich eben nicht immer. Trotzdem möchte ich hier noch meine Sicht des Braunschweiger Slams vom 17.2.2012 loswerden.

Dabei geht es mir nicht um die Veranstaltung an sich, sondern eher um die Entwicklung der Poetry Slam-Kultur im Allgemeinen. Kurz vorweg: Das neue Konzept mit neuem Moderator und mit musikalischer Begleitung hat dem Poetry Slam sichtlich gut getan. Slammaster Dominik Bartels konnte den Spannugsbogen über den gesamten Abend – gut dreieinhalb Stunden – halten, hat das Publikum mit seiner charmanten Art unterhalten und gleichsam den Slammern in ihren Persönlichkeiten genügend Raum gegeben. Vor allem aber waren die Texte der Poetry Slammer ausgewogen und qualitativ auf einem durchaus respektablen Niveau.

Nein, hier möchte ich vielmehr (wieder) das Publikum beschimpfen betrachten. Und auch die Künstler, die sich dort auf die Bühne gestellt haben. Beide haben sie schließlich Anteil an der Entwicklung des deutschen Poetry Slams; gehört es doch zum Konzept, dass erfolgreich ist, wer die Herzen der Zuhörer erobert und so die meisten Stimmen einheimst. Wer dem Publikum gefällt, darf wiederkommen. Darf mit dem Slammen Geld verdienen. Der Applaus des Publikums wird irgendwann zur harten Währung.

Um das Wesen des Poetry Slams kurz zu skizzieren, soll der „Erfinder“ desselben hier kurz zu Wort kommen:

„Poetry slam is the competitive art of performance poetry. Established in the mid-80s as a means to heighten public interest in poetry readings, slam has evolved into an international art form emphasizing audience involvement and poetic excellence.“ (Marc Smith, aus: Wikipedia Poetry Slam)

Poetry Slam ist demnach ein Wettstreit des Vortragens von Dichtkunst, das die Interaktion der Zuschauer und die poetische Leistung hervorhebt. Im Kern geht es um Poetik. Wie die poetischen Texte aussehen, steht den Autoren dabei frei: Es kann Lyrik vorgetragen werden genauso wie Lautpoesie, Kurzprosa und Geschichten … einfach alles.

Diese Beliebigkeit kann eine Chance sein – eine Chance für abwechslungsreiche Texte, interessante Slammer und der Blick über die Suppenschüssel hinaus. Aber gleichzeitig ist sie der größte Feind des Poetry Slams. Denn, wenn ich es richtig beobachte, gewinnen diejenigen, die mit Comedyeinlagen das Publikum zum Lachen bringen. Da kann vorher ein noch so tiefsinniger, die Worte gekonnt verknüpfender Text vorgetragen worden sein – sobald sich der nächste Slammer auf der Bühne zum Affen macht, ist ihm der Sieg sicher.

Manchmal zurecht. Nämlich dann, wenn hinter dem Comedy-Gerüst echte gesellschaftliche/persönliche/soziale Probleme aufblitzen, wenn dadurch Denkanstöße gegeben werden, wenn sie wirklich intelligent vorgetragen sind. Meistens jedoch bewegen sich die komischen Beiträge der Poetry Slammer gefährlich nah am Mario-Barth-Duktus. Und bringen den Saal zum Kochen. Das Publikum verteilt eifrig Punkte, hat es sich doch köstlich amüsiert, und der Komödiant gewinnt. Mal wieder.

Kein Wunder also, dass gerade in letzter Zeit diejenigen Poeten ihr Geld mit Kurzvorträgen verdienen können, deren Texte sich um Pickel auf der Stirn, um das gräuliche Aufwachen nach einer durchzechten Nacht im Swinger-Club, um die halsbrecherischen Fallen beim ersten Schwiegerelternbesuch drehen.

Auf der Strecke bleibt dabei die Dichtkunst. Die Lust, Worte zu Sätzen zu formen, Bedeutungen zu stiften, die Grenzen der Sprache neu auszuloten. Das, was Dichtung sein kann und was Dichtung sein sollte. Vielleicht sind die Poetry Slam-Bühnen nicht der geeignete Ort dafür (obwohl ich der festen Meinung bin, dass sie es sind), ganz sicher sollten die Slams aber keine Bühne für abgeschmackte Comedy-Programme sein. Dafür gibt es eigene Formate. Die Poetry Slams hingegen sollen den Poeten vorbehalten bleiben. Den Etablierten und ganz besonders auch den Anfängern. Denjenigen, deren Werkzeug die Sprache ist, nicht der pointenlose Witz eines Mario Barths.

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