im lesefluss mit dem sandfluss

Ein schmaler Band ist es geworden, der Roman Am Sandfluss von Gyrðir Elíasson. Und doch entfaltet Elíasson auf 137 Seiten eine Geschichte über Leben, Einsamkeit, Natur und Tod, die mehr erzählt als manch dicker Wälzer. Das gelingt ihm durch verschiedene Erzählebenen; neben der Ich-Erzählung des Protagonisten, ein vereinsamter Maler, baut Elíasson über die Natur und über Verweise auf Briefe von van Gogh, einer Biographe über Chagall sowie auf andere Maler und Literatur zwei weitere Ebenen ein, die der Gedankenwelt des Ich-Erzählers einen Rahmen geben.

Wir begleiten einen Maler im Sommer und Herbst auf seiner Reise zum Selbst. Er hat sich zurückgezogen aus der Stadt, lebt jetzt in einem Wohnwagen auf einem Campingplatz am Rande eines Waldes, durch den sich der titelgebende Sandfluss schlängelt. Die Gründe seiner Zivilisationsflucht stehen unausgesprochen im Raum. Wobei dieser Raum gerade nicht geschlossen ist, sondern in die Natur diffundiert. Der namenlose Held nimmt uns mit auf seine Streifzüge in den isländischen Wald, am Rande eines Vulkans, wo sich die kahle Ebene ausstreckt, die wie eine Marslandschaft beschrieben wird. Und die, wie die Stadt, das Gegenteil des Natürlichen bezeichnet. Für den deutschen Leser mag diese Idee keine neue sein, sehnt sich die deutsche Seele doch seit je her zum Wald – doch in Island ist das anders: Hier gibt es kaum Wälder. Und trotzdem hat der Protagonist schon seit Kindesbeinen eine besondere Beziehung zum Wald. Dass er sich nun, wo er offensichtlich der Stadt, den Menschen und selbst seinen eigenen Kindern überdrüssig ist, in den Wald zurückzieht, ist kein Wunder. „Jedes Mal empfand ich eine seltsame Freude, sobald ich so weit in den Wald eingedrungen war, dass ich rings herum nur noch Baumstämme und Äste sah, und es war, als ob die grüne Farbe eine innere Spannung in mir löste.“

Bäume sind das zentrale Thema in der Gedankenwelt des namenlosen Malers. Dass der Roman aber nicht nach dem Wald oder den Bäumen benannt ist, liegt an der Erzählform. Wie der große, trübe Sandfluss treibt die Erzählung vor sich hin und nimmt den Leser mit. Ohne Anstrengung kann dieser in den Worten baden und sich mitziehen lassen. Wie der Sandfluss mit seinem rotbraunen, zähen Treibgut, trägt auch der Protagonist seine Lebenslast mit sich herum, trübe und schwer. Die Flucht an den Waldrand, die Beschäftigung mit Bäumen und Blättern, mit Moos und Natur ist sein Versuch, das belastende Treibgut abzuwerfen.

Um sich nicht in quälend langen Naturbeschreibungen zu verlieren, behilft sich Gyrðir Elíasson mit  den Worten des Malers. Er beschreibt die Natur wie ein Bild. Und es funktioniert. Kombiniert mit seinem unglaublich reichen Wortschatz entfaltet der Roman einen Sog, den man schwer entkommt.

Klappentext:

Gyrðir Elíassons neuer Roman ist ein schlichtes Meisterwerk, das von der Natur und darüber hinaus vom Menschen in der Natur handelt. Es handelt von seinen letzten Tagen und vom Tag des jüngsten Gerichts. „Im Takt mit dem Tod, der über den Wassern des Buches schwebt“, ist sein Buch eine stille Messe für den Mensche, die Natur und die Kunst.

„Das Zusammenspiel aus Schwermut und einer aus der Zeit gefallenen Demut ist eine immer wiederkehrende Grundmelodie isländischer Literatur. Die singt kaum einer so eindringlich wie Gyrðir Elíasson.“ FAZ

(Dieser Text wurde für die Kategorie „Buch der Woche“ des KingKing Shops geschrieben.)

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