engel links, teufel rechts … oder so

Zur Zeit herrscht eine ziemliche Aufregung, wenn es um „das Internet“ geht: Google ändert zum 1. März seine Datenschutzbestimmungen, Facebook führt die Chronik sukzessive für alle ein und ein deutscher Politiker prophezeit den Untergang der Netzkultur. Letzteres wird definitiv nicht eintreten, für Erstaunen hat die Aussage dennoch gesorgt. Eine weit hitzigere Diskussion wird derweil um die ersten beiden Punkte geführt.

Vereinfacht gesagt stehen sich zwei Positionen gegenüber: Die Sorglosen und die Besorgten. Den Sorglosen ist es egal, dass Google und Facebook munter Daten sammeln. Nutzen können die Firmen sowieso nur die wenigsten Informationen und was in Zukunft damit passiert, ist … nun mal Zufkunftsmusik. Die Besorgten hingegen sehen hinter jeder 0 und 1, die sie im Netz hinterlassen, einen Angriff auf ihre Persönlichkeit und es gilt für sie, die Hoheit über alle Daten zu behalten.

Und auch ich stehe zwischen den Positionen. Ich wurde so erzogen, dass ich meine Daten nicht sorglos weggebe, selbst bei Behördenanfragen überlege ich, ob es nötig ist, meine Telefonnummer anzugeben. Auf der anderen Seite gebe ich bereitwillig jedem Personaler in diesem Land meine Kontaktdaten, meinen Lebenslauf und noch dazu Angaben über persönliche Interessen. Ob ich im Telefonbuch stehen möchte? Ich bin zwiegespalten, jetzt nicht, später vielleicht. Eine Paypack-Karte? Kommt mir nicht ins Haus. Bahncard-Bonus-Punkte? Sammle ich. Ich bin da großzügig mit meinen Daten, wo ich einen Vorteil für wenig Einsatz wittere. Soweit zum analogen Leben.

Im Internet gehe ich gleichzeitig vorsichtiger und sorgloser mit meinen Daten um. Wobei nicht immer in meiner Macht steht, was ich preisgeben möchte und muss. Als Selbständige bin ich zum Beispiel dazu angehalten, meine Steuererklärung online auszufüllen. STEUERERKLÄRUNG! Mehr Transparenz geht nicht (zumindest im Über-Geld-spricht-man-nicht-Land). Trotzdem habe ich mir zwei bis drei Identitäten aufgebaut, deren Daten ich je nach Verlangen im Internet verbreite. Wenn bei amazon mein Geburtsdatum gefordert ist, dann muss es nicht meines sein. Oder welchen Zweck erfüllt das Geburtsdatum beim Bücherkauf? Gesetzesbedingte Altersbeschränkungen gibt es, das ist mir klar, aber die betreffen mich nicht mehr. Ich überlege immer, wer die preisgegebenen Informationen erhält, ob sie wichtig für den Empfänger sind und ob sie es wert sind, veröffentlicht zu werden. Denn wenn etwas erst einmal veröffentlicht ist, dann bleibt es.

Und jetzt kündigt Google an, seine vielen Dienste als einen Dienst zu behandeln. Das heißt, alle Daten die bei Youtube, bei Google Maps, bei Streetview, bei der Suche, im E-Mailprogramm, bei Google+ …  erhoben werden, werden jetzt auch zentral gespeichert. Ist das jetzt schlimm? Böse Zungen behaupten, das sei nichts Neues, schließlich wäre es für ein wirtschaftliches Unternehmen töricht, die Daten der verschiedenen Plattformen nicht ganzheitlich auszuwerten. Dass es nun offen geschieht – umso besser.

Trotzdem melden sich in meinem Kopf zwei Stimmen, die linke: „Wuahhhh, sofort alles löschen, was nicht lebensnotwendig ist! (Google Suche)“; wohingegen die rechte meint: „Ach komm schon, du hast doch genug Medienkompetenz um mit den Folgen umgehen zu können. Was soll schon mit deinen Daten passieren? Und solange sie bei den Monopolisten sind, sind sie zumindest bei nur drei Unternehmen, das verringert den Aufwand, sie löschen zu lassen.“ Links: „Spinnst du! Die kennen dich besser als du selbst!“ Rechts: „Wenigstens einer, der mich versteht!“ – „Aber die Informationsfreiheit!“ – „Dann musst du mal wieder aktiver nach neuen Inhalten suchen! Das fördert übrigens auch die Intelligenz.“ … Und so geht es munter hin und her, bis mir keine Argumente mehr einfallen und mir das Thema sprichwörtlich auf den Geist geht.

Aber was ist jetzt? Besser sorglos oder besorgt? Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte. Die Sorglosen sollten nicht alles hinnehmen, was Facebook, Google, Apple und Microsoft vorgeben. Wohingegen die Besorgten sich darüber klar werden sollten, dass sie für Leistungen bezahlen müssen, auch digital. Und dass die Bezahlung im Netz nicht monetär definiert wird, sondern mit Daten beglichen wird. Und vor allem sollten sie ihren Blick auch auf die Vorteile lenken: Die Auswertung der Daten bedeuten schließlich eine unheimliche Vereinfachung des alltäglichen Lebens. Wie soll sich der moderne Mensch denn ohne Google Maps, ohne Wikipedia, ohne Google Suche im Leben zurechtfinden? Dass im Gegenzug dafür personalisierte Werbung aufblinkt, ist vielleicht ärgerlich, aber es ist der Preis, den es zu zahlen gilt. Wir müssen nur lernen, diese Werbung richtig einzuordnen. Bevor das Internet verteufelt wird, ist es ungemein wichtiger, mit den neuen Medien umzugehen. Sie richtig zu lesen und  aufgeklärt damit umzugehen.

Wenn es um die Datenkrake Google geht, sind alle alarmiert und dagegen. Dabei geht es meistens nicht um die Datensammlung des Unternehmens sondern um die Urlaubsbilder, die der Chef sehen könnte, um die „ironisch“ gemeinte Zugehörigkeit zur Gruppe „Ich kann auch ohne Alkohol lustig sein, aber sicher ist sicher“ auf StudiV, die dann ja doch irgendwie peinlich ist, und um die Zugehörigkeit im Schwimmklub vor 10 Jahren, die wirklich niemanden mehr interessiert. Das Internet vergisst nicht. Niemals. Das ist das Schöne daran. Das Internet macht vieles einfacher. Statt umständlich zur ehemaligen Schule zu fahren und die Abizeitung zu suchen, sind die doofen Sprüche auf StudiVZ zu lesen. Statt im Stadtarchiv die alten Zeitungen nach sportlichen Erfolgen zu durchsuchen, sind die Siege der eigenen Mannschaft nur einen Klick entfernt.

Viele vergessen, dass sie es sind, die die Informationen bereitwillig ins Netz stellen. Das Internet macht uns alle zu einer öffentlichen Person. Wir sollten lernen, dass es sicher nicht schlau ist, ein Foto vom letzten Alkoholabsturz auf Facebook zu stellen. Und wir sollten lernen, dass uns das Internet die Möglichkeit gibt, sich gegen Falschinformation zu wehren (wie zum Beispiel hier) – ob als Kommentar, als Gegendarstellung und in letzter Konsequenz mithilfe von Datenschützern. Ob ein Leserbrief zu einem Zeitungsartikel nach zwei Monaten noch veröffentlicht wird, ist hingegen fraglich.

Wir alle sollten jetzt die Chance nutzen und mithelfen, das Internet zu gestalten. Mit all seinen Vorteilen, mit all seinen Nachteilen – aber immer bedacht und gut überlegt. Denn wir leben längst in einer digitalen Gesellschaft, es gibt kein Zurück mehr. Unsere Aufgabe ist es, den zukünftigen Generationen eine Grundlage zu geben, mit dem Web umgehen zu können, es sich zunutze machen zu können und vor alle, aus der Vernetzung Vorteile zu erhalten. Solange es möglich ist und solange uns die Monopolisten ihre Vorstellung von der digitalen Gesellschaft noch nicht aufgezwungen haben, sollten wir schnellstmöglich damit beginnen. Worauf warten, die Werkzeuge sind für alle zugänglich!

6 Kommentare

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  2. Bernd

    Das fällt mir immer der Witz von der Pizzabestellung 2015 ins Auge (sicher bekannt):

    Pizza-Service 2015

    Pizzaservice : ? Danke, dass Sie unseren Pizzaservice angerufen haben.?
    Kunde: ? Ich möchte gerne etwas bestellen.?
    Pizzaservice: ? Geben Sie mir bitte zuerst Ihre Sozialversicherungsnummer??
    Kunde: ? Sicher, das ist die 123456.?
    P: ? Vielen Dank, Herr Meyer. Sie wohnen in der Hauptstraße 7, und Ihre Telefonnummer lautet 891011.?
    K: ? Woher wissen Sie denn das??
    P: ? Wir sind an das System angeschlossen.?
    K: (seufzt) ? Oh, natürlich. Ich möchte gerne zwei Spezialpizzen mit besonders viel Käse bestellen.?
    P: ? Ob das gut für Sie ist??
    K: ? Wie bitte??
    P: ? Laut Ihrer Krankenakte haben Sie sehr schlechte Cholesterinwerte. Und Ihre Krankenkasse würde eine solche ungesunde Wahl bestimmt nicht gutheißen.?
    K: ? Was können Sie mir empfehlen??
    P: ? Bestimmt schmeckt Ihnen unsere fettarme Soja-Jogurt-Pizza. Schließlich haben Sie neulich ein Buch mit Sojarezepten aus der Bücherei ausgeliehen.?
    K: ? Äh, wie bitte? Also gut, einverstanden. Ich nehme zwei davon in Familiengröße.?
    P: ? Das macht dann zusammen genau 45 Euro.?
    K: ? Am besten gebe ich Ihnen meine Kreditkartennummer.?
    P: ? Sie werden leider bar zahlen müssen. Denn der Kreditrahmen Ihrer Karte ist bereits überzogen.?
    K: ? In Ordnung. Ich zahle bar. Wann kommt die Pizza??
    P: ? In etwa 45 Minuten. Sie können Ihre Bestellung aber auch selbst abholen. Obwohl der Transport von Pizza auf dem Motorrad natürlich immer etwas schwierig ist.?
    K: ? Woher wissen Sie, dass ich Motorrad fahre??
    P: ? Hier steht, dass Ihr Wagen gepfändet wurde. Aber Ihre Harley ist offensichtlich bezahlt.?
    K: ? $&)@*!?@$%)#+!!!!?
    P: ? Seien Sie vorsichtig! Sie haben sich bereits im Juli 2006 eine Klage wegen Beleidigung eingefangen.?
    K: (sprachlos)
    P: ? Haben Sie noch einen Wunsch??
    K: ? Oh ja, bitte vergessen Sie nicht, die beiden Flaschen Cola einzupacken, die es laut Ihrer Werbung gratis zu den Pizzen gibt.?
    P: ? Es tut mit leid, aber die Ausschlussklausel unserer Werbung verbietet es uns, kostenlose zuckerhaltige Getränke an Diabetiker abzugeben.

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  4. holger

    „Unsere Aufgabe ist es, den zukünftigen Generationen eine Grundlage zu geben, mit dem Web umgehen zu können, es sich zunutze machen zu können und vor alle, aus der Vernetzung Vorteile zu erhalten. Solange es möglich ist und solange uns die Monopolisten ihre Vorstellung von der digitalen Gesellschaft noch nicht aufgezwungen haben, sollten wir schnellstmöglich damit beginnen. Worauf warten, die Werkzeuge sind für alle zugänglich!“

    Ziemlich komplexte Sachverhalte, die du da beschrieben hast. Genauso schwierig ist eine sachdienlich Antwort. Ich will es trotzdem mal versuchen. Das Netz wird ja von verschiedenen Gruppen genutzt bzw. institutionalisiert. Wir haben den Otto Groschenbügel, der nur mal eben nach den Fußballergebnissen gucken will. Wir haben Unternehmen, die das Internet zur Waren- oder Gewinnakkumulation gewinnbringend nutzen, wir haben regierungsnahe Organisationen, die auf die Informationsdichte im Internet als Arbeitsmaterial zurückgreifen. Die Liste lässt sich bis ins Unendliche fortführen.

    Was ich eigentlich sagen will: Das Netz ist wie die Gesellschaft mit anderen Mitteln: in ihr gibt es eine Menge Personengruppen, die es in unterschiedlicher Weise nutzen. Die Zivilgesellschaft hat eine – mehr oder minder gut funktionierende – Gesetzgebung auf die sich der Bürger berufen kann. Im Internet gibt es Telemediengesetz und Mediengesetz, zwei Richtlinien, die ihrer Zeit um 10 Jahre zurückliegen. Die andere große rechtliche Instanz befindet sich auf Unternehmensseite. Damit meine ich die vielen Nutzungs- und Datenschutzbestimmungen, durch die man sich tagtäglich durchklicken muss, bevor man Service A oder Website B nutzen darf. Welche gesellschaftliche Instanz schützt den Bürger vor solchen Unternehmen? Diese Frage kommt bei dir ja auch zum Ausdruck. Sollte ein Land sich überhaupt mit seinen Gesetzen über den Raum Internet hinwegsetzen? Andere Fragen sind auch denkbar: Wie weit reichen Persönlichkeitsrechte heutzutage? Sind diese mit meiner IP verknüpft?

    Stolpere hin und wieder über diese Fragestellungen. Vielleicht kannst du mir helfen.

    • Maria

      Ich würde gern, aber ich kann dir bei diesen Fragen auch nicht helfen. Wenn ich eine Antwort darauf hätte, säße ich jetzt wahrscheinlich mit Mark Zuckerberg in einer Villa und würde Geldscheine in die Luft werfen. Aber was du ansprichst ist genau das, was ich mit „gestalten“ meine. Ich bin der Überzeugung, dass Gesetze im Internet zwar nicht nutzlos, aber schnell hinfällig sind. Schließlich entwickelt sich das Netz rasend weiter, dass die Gesetzestexte mit ihrem Inkrafttreten überholt sind. Aus diesem Grund finde ich, dass wir (wie schwer es mir fällt, geeignete Worte dafür zu finden) Verhaltensregeln entwickeln sollten, die je nach Entwicklungsstand angepasst werden. Dass birgt natürlich auch die Gefahr der Instrumentalisierung des Webs von Unternehmen (siehe SOPA), von Regierungen (Zensur) etc. Dass das Web schon heute nicht mehr frei ist, zeigt doch die Ankündigung von Twitter, bestimmte Tweets in bestimmten Ländern zu unterbinden. Wenn wir das Netz aber nach demokratischen Grundsätzen nutzen, wenn wir gemeinsam erstellte Regeln (Netiquette) beachten, dann können wir zumindest Grundsätze für die zukünftige Verwendung schaffen. Das alles hört sich sehr nach „don´t be evil“ an und wohin das führt, wissen wir ja. Trotzdem glaube ich daran.

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