das gefühlskalte bürgertum

Warum diese Understatement in der Deutschen Hochkultur? Ich meine nicht das der Kulturschaffenden, sondern das der Adressaten. Obwohl, Understatement ist das falsche Wort. Viel mehr geht es um die Gemütskühle des Publikums.

Heute Abend habe ich Premiere gefeiert: Ich war bei meinem ersten Sinfoniekonzert. Und es war toll. Um nicht zu sagen, es war bombastisch. Was sicherlich daran lag, dass ich mir für mein erstes Sinfoniekonzert Gustav Mahler ausgesucht habe. Weil ich auf Pathos und Bombast stehe, da lag Mahler nahe. Der tosende, minutenlange Applaus am Ende des Konzerts hat gezeigt, dass nicht nur ich die 90 Minuten Musik genossen habe. Aber während der 90 Minuten hat man das Gefallen oder Nichtgefallen nicht erschließen können. Noch nicht einmal ein Raunen ging durch die Reihen. Klar, dass es während eines Konzerts des Staatsorchester anders zugeht als auf einem Rockkonzert, war mir bewusst. Dass aber auch andere Regeln gelten als in der Oper, nicht.

Irritiert hat mich, dass es keinen Applaus zwischen den einzelnen Sätzen gab. Da hob das Orchester mit aller Kraft an, jeder Musiker gab sein Herzblut in die letzten Takte, mit einem fulminanten Getöse endete der erste Satz – und ich war die einzige, die zu klatschen begann. Nun ja, es war ja auch mein erstes Mal, da darf man Fehler machen. Ich verstehe, dass die Musiker sich konzentrieren müssen. Aber während sie ihre Instrumente nachstimmen, kann doch ein wenig Lob vom Publikum erbauend sein und wenig schaden. In den nächsten vier Pausen habe ich übrigens alles richtig gemacht.

Dabei hätten die Musiker Szenenapplaus mehr als verdient: Mit viel Hingabe und körperlicher Anstrengung haben sie ihren Instrumenten die schönsten Töne entlockt. Da war der Mann, der die erste Geige spielt (dieser Witz musste sein),  also, da war der erste Geiger, der mit Schnappatmung auf seinem Stuhl wippte, der bei schwierigen Einsätzen sogar vom Stuhl hochhüpfte. Da war der Cellist, der mit „schhhhhht“ sich selbst beruhigte. Da waren diverse Musiker, die vor Anstrengung das Gesicht verzogen, die wippten und laut aufatmeten, wenn der letzte Ton gespielt war. Und da war der Dirigent, der auf seinem Podest fast tanzte, der schon nach kurzer Zeit ins Schwitzen kam und der laut mitsummte. Wirklich laut. So laut, dass das Publikum es vernehmen konnte. All die Arbeit war während des ganzen Konzerts zu sehen und zu spüren, aber keiner hat sie honoriert – während des Konzerts wohlgemerkt, im Anschluss mehr als genug.

Ganz anders bei Popkonzerten. Da wird vom Publikum lautstark Gefallen und Nichtgefallen kundgetan. Nach und bei gelungenen Musik-, Tanz- oder Gesangsdarbietungen von Bandmitgliedern jubelt das Publikum. Auch wenn das Lied dann noch nicht zu Ende ist, wenn es gefällt, wird gejubelt; zum Beispiel bei diesem Trompetensolo (nach ca. 4:30 min.):

Wenn der kleine Mann noch singt, ist zwar die Oper noch nicht zu Ende, einen Applaus für den Musiker gibt es trotzdem.

Nachtrag: Der Musikkritiker Alex Ross (ist durch The Rest is Noise bekannt geworden) erzählt in einem Interview mit der SZ (26.1.2012), dass „die Konzerterfahrung bis Ende des 19. Jahrhunderts vollkommen anders war. Das Publikum war viel lauter, man kam und ging und applaudierte in den unmöglichsten Momenten. […] Ich sehne mich nicht zurück zum Tumult des 17. und 18. Jahrhunderts, aber es gibt Wege, die ganze Sache weniger förmlich zu machen.“ Seine Worte in die Ohren der exklusiven Klassik-Szene.

Ein Kommentar

  1. Pingback: where have all the poets gone | Frau_Pö

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