occupy gilmore girls

Das erste, was mir einfällt zum Thema Occupy, ist das genaue Gegenteil von Stars Hollow, der vor Spießigkeit strotzenden Kleinstadt der Gilmore Girls. Was mir in den Sinn kommt sind junge Männer und Frauen in Karohemden und Stoffschuhen, Jutebeutel und große, dunkle Brillen tragend. Und bunte Zelte, wild durcheinander aufgeschlagen. Gleich danach liegen vor meinem geistigen Auge zottelige Obdachlose und Herumsteicher in und zwischen den Zelten. Dann tauchen die Müllberge auf, die diese große Menschenmenge produzieren musste.

Das ist alles andere als eine romantische Vorstellung von einer friedlichen Zelt-Protest-Bewegung. Vielleicht weil ich weiß, wie viel Organisation ein Zelturlaub mit sich bringt. In so einem Stadtpark wollen sanitäre Anlagen und Versorgungszelte aufgebaut werden, um das Nötigste zu nennen. Dann kann noch einiges hinzukommen: Irgendetwas muss immer repariert werden, irgendjemand interessiert sich sicher für die neuesten Nachrichten, jemand sucht eine Beschäftigung, ein anderer möchte sich bewegen …

Und schon rückt die „Zeltstadt“ (allein diese Komposition drückt die zivile Organisation aus) ganz nah an Stars Hollow. Mark Greif, einer der Theoretiker hinter der Occupy-Bewegung und Herausgeber des Magazins n+1, greift in dem Artikel Eine uralte Sehnsuch (SZ, 4.1.2012) zwar nicht nach dem Stars Hollow-Vergleich, ist sich dennoch der Spießigkeit hinter der Protestbewegung bewusst. Wobei spießig hier keinesfalls negativ bewertet werden soll. Es steht für das, was das Leben in Kleinstädten ausmacht: öffentliche Plätze (= Park), wo man sich begegnen kann, öffentliche Ämter (der Zuccotti Park hatte ein eigenes Postamt), öffentliche Bibliotheken (= Occupy Wall Street Library, die bei der Räumung zerstört wurde) und nicht zuletzt das Town Meeting, das sich im Zuccotti-Park als allabendliche und verpflichtende General Assembly wiederfindet. Jeder, der auch nur eine Folge der Gilmore Girls gesehen hat, wird sofort an Bürgermeister Taylor Doose denken, sobald er nur das Wort Town Meeting hört.

Tatsächlich entlarvt Greif die Ziele der Occupy-Bewegung als uralte Sehnsucht nach einer idealisierten Gesellschaftsordnung. Nach einer amerikanischen Ordnung, in ihr eingegliedert der Traum vom sozialen Aufstieg. Die Sehnsucht nach einem Ort, für den Stars Hollow Pate stehen könnte.

Kaum verwunderlich, führt man sich doch vor Augen, dass der Großteil der Bewegung junge Menschen sind, die in einem (weißen) bürgerlichen Umfeld aufgewachsen sind. In deren Köpfen von Kindesbeinen an ein ideales Bild einer Nachbarschaft verwurzelt ist. Die an eine Gesellschaft glauben, die Greif mit diesen Worten beschreibt:

Eine Ordnung, innerhalb derer eine kleine Zahl öffentlicher, zur allgemeinen Nutzung bereitstehender Institutionen dazu dient, den größeren Sektor privater, freiwilliger Leistungen zu stabilisieren und zu rechtfertigen. In diesem Sinne war die Occupy-Bewegung – im wahrsten Sinne des Wortes – konservativ, denn es ging ihr darum, ein Ideal wiederzubeleben, das seit 1776 Bestand hat.

Ein Kommentar

  1. Maria

    Um Missverständnisse vorzubeugen: Ich schließe mich ausdrücklich nicht aus. Ich trage heute ein kariertes Hemd und eine große Brille. Zum Einkaufen habe ich selbstverständlich meinen Stoffbeutel benutzt. Ich bin gut behütet in einer Dorfgemeinschaft aufgewachsen. Ich nutze liebend gern die öffentliche Bibliothek und ich den Park. Und ich bin gegen alles, was die Nutzung des öffentlichen Raumes einschränkt, wie zum Beispiel Alkoholverbote, Versammlungsverbote etc. Ich hätte ebenfalls für die oben beschriebene Kleinstadt-Ordnung gezeltet.

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