die nacht schuf tausend ungeheuer

Dich sah ich – den Titel für seinen Roman hat Michael Molsner Goethes Willkommen und Abschied entliehen und sich nicht treffender entscheiden können. Denn das, was im Gedicht folgt, ist, was den Journalisten Michael Ratsy am Leben hält: Die unbedingte Liebe, das unbändige Verlangen zu seiner damaligen Lehrerin Charmine. Als Referendarin zwar nur sieben Jahre, eigentlich aber ein Leben älter als er, verliebte sie sich in ihn und nahm ihn mit in ihre Welt. Während der nachmittäglichen Stunden in ihrer Münchener Wohnung waren sie ganz beieinander, nach dem Abitur trennte man sich – Michael hatte schließlich noch ein Leben aufzuholen – und verlor sich aus den Augen. Ein glücklicher Zufall brachte sie als verheiratete Mutter dreier Kinder und geschiedenen Mann in Hannover wieder zusammen, viel weiter nördlich als zu Schulzeiten und dennoch nicht weniger heftig. Damals in München und Hannover schon war ihre Liebe verboten und auch jetzt ist sie es noch immer, wenn Michael vor ihrem Komabett steht und ihr gemeinsames Leben erzählt, nicht stringent chronologisch, sondern nach Themen geordnet. Es ist eine Lebensbeichte, mit dem kleinen Unterschied, dass Michael nichts bereut. Keinen Augenblick. Jeden Atemzug hat für Charmaine getan, und wird es auch weiterhin tun.

Dass Charmaine wegen eines Anschlags im Koma liegt, erfährt der Leser auf der ersten Seite, was fehlt ist die Erklärung, warum Michael Ratsy vierzig, fünfzig Jahre nach ihrem ersten Treffen noch bei ihr ist. Als geübter Krimiautor versteht es Molsner Fährten zu legen, sie mit einem Satz wieder zu entkräften und immer so viel neue Informationen zu geben, dass der Leser nicht anders kann als weiterzulesen. Nun ist der Roman kein Krimi, der das Attentat aufklären soll, es ist die Beziehung zwischen Michael und Charmaine, in die Licht gebracht werden soll.

Aber es ist nicht nur die Liebesgeschichte, die den Roman so fesselnd macht. Es ist vielmehr die kunstvolle Verbindung der Liebe mit den politischen Verhältnissen zwischen linken (Michael Ratsy) und bürgerlichen (Charmaines Ehe) Positionen der späten 1960er bis heute. Eine unterhaltsame, spannende und zugleich subjektive Geschichtsstunde.

Die unbedingte Nähe der beiden Hauptpersonen überträgt sich durch die Erzählform, aber auch durch die Sprache, ungefiltert auf den Leser. Die Liebe, die Michael für Charmaine empfindet, spiegelt sich in der respektvollen, reflektierenden und zugleich liebesdurchtränkten Sprache, mit der sie anspricht. Zu Sprache verdichtet entfalten sich beim Lesen im Leser Begehren und Ängste, Liebe und Wut. Immer im Sinn hatte der Autor gewiss Goethes Gedicht um tausend Ungeheuer im Leser zu erschaffen …

(Dieser Text wurde für die Kategorie „Buch der Woche“ des KingKing Shops geschrieben.)

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