pop is alive. still.

Karl Bruckmaier schreibt in der Wochenendausgabe (29./30.10.) der Süddeutschen, der größte Irrtum der Popmusik sei das Versprechen von Neuigkeit. Und Karl Bruckmaier sollte es wissen, schließlich macht und schreibt er seit 1978 über Pop. Er bezieht sich in seinem Artikel auf einen vor einigen Wochen erschienenen Artikel von Jens-Christian Rabe, der dem Pop zwar auch Bedeutungsverlust attestiert, ihm aber Neuigkeiten zumindest in den Nischen zuspricht.

Bruckmaier sagt nun, dass Neueste sei eine in der Warenform von Pop immanente Seinslüge. Die Popkulturakteure geben das falsche Versprechen vom Neuen, um vorzugsweise Minderjährigen und Minderbemittelten das Geld aus den Taschen zu ziehen. Und so sehr ich mich dagegen wehren möchte, Bruckmaiers Begründung ist durchaus plausibel. Pop entsteht aus Referenzen. Pop(musik) zitiert das, was schon da war, was bekannt ist. Und nur weil der jungen Zielgruppe das kulturelle Gedächtnis fehlt, schlucken sie das von der Industrie verbreitete süße Neuigkeitsversprechen.

Dass Pop zitiert und aneignet, dem stimme ich zu. Schließlich ist die Aneignung eine der Definitionsmerkmale von Pop. Laut Metzlers Lexikon für Kultur und Gegenwart ist Popkultur einem dynamischen Prozess von Aneignung und Abstoßung unterlegen, um daraus Neues zu erschaffen. Und hier muss ich Bruckmaier widersprechen. Denn das, was Pop erschafft, ist tatsächlich neu.

Denkt man Bruckmaiers These konsequent weiter, so ist alle Kultur, die jemals von Menschen geschaffen wurde (angefangen bei der Höhlenmalerei) ein Zitat. Wie schon Nietzsches Gedanke der Ewigen Wiederkunft („Allem Zukünftigen beißt das Vergangene in den Schwanz“), so sind auch in der Popmusik schon alle Noten geschrieben, alle Ideen und Gedanken gedacht, alle Themen ausführlich bearbeitet worden. Das gilt aber nicht nur für die Popkultur, sondern ebenso für Literatur, Theater, Musik, Malerei, Games, Mode … für das Leben.

Dass es uns jetzt mehr denn je auffällt, hängt mit der fortschreitenden Digitalisierung unseres Gedächtnisses  zusammen. Alles ist immer und zu jeder Zeit auffindbar und abrufbar. Und so stürmen und drängen WU LYF neben The Clash und den Sex Pistols. Die Ideen bleiben gleich, Text, Art und Umsetzung ähneln sich und doch sind sie grundverschieden. Eben weil zwischen ihnen drei Jahrzehnte liegen. Weil die jungen Musiker den früheren Pop kennen. Weil sie entscheiden etwas zu zitieren oder sich bewusst dagegen aufzulehnen.

Pop ist und bleibt immer neu. Totgesagte leben bekanntlich länger.

Pop Is Dead / brandnew Single!!! von My Name Is Music

(Pop is dead von My Name Is Music)

Schreibe einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s