sätze, schön wie das leben

… nämlich ganz schön abgefuckt und sarkastisch. Trisomie so ich dir heißt der neue Streich von Dirk Bernemann und ein Streich ist es wahrlich geworden. Ein Streich, den Gott den Menschen spielt.

Da ist Roy, der nicht nur ein Herz, sondern einen ganzen Körper aus Pudding hat. Roy hat Trisomie 21 (besser bekannt als das Down-Syndrom) und sieht der Welt zu, wie sie ihn bemitleidet. Allen voran seine Eltern, die an ihren Schuldgefühlen und am Mitleid fast sterben, bis der Vater wirklich stirbt. Wegen des Mitleids hat Roy schon früh beschlossen, besser nicht mit der Welt zu sprechen, sie würde ihn eh nicht verstehen. Alles, was Roy will, ist ein normales Leben führen oder zumindest in einer Welt leben, die normal ist. Das endlich mal etwas passiert. Aber wenn Roy in das Gesicht des Busfahrers sieht, das „täglich mehr wie zerknüllte und stellenweise vollgeschissene Bettwäsche aus[sieht]“, fragt er sich, „wo Kalle das verloren hat, was mal sein Leben war.“ Und so passiert eben nichts, bis er Solveig auf dem Supermarktparkplatz trifft und sich in sie verliebt.

Solveig hingegen züchtet Illusionen, in die Roy nicht passt. Illusionen vom perfekten Leben, der perfekten Liebe mit perfektem Sex, bei dem sie weinen kann. Solveig ist schön und die Suche nach dem perfekten Leben geht durch viele Betten vieler Männer, die alle irgendwie falsch waren, „zu kaputt, zu langsam, zu schlau, zu unklug, zu verdrogt, zu unhygienisch“. Und wie die Männer, findet Solveig auch das Leben zu beliebig, zu einseitig, zu langweilig. Aber sich festlegen, das kann sie nicht: „Denn das Fixieren eines Lebensangebotes schließt doch sofort eine Vielzahl weiterer Optionen aus.“

Optionen haben Ingeborg nie interessiert. Ingeborg, die unter Solveig wohnt, verliert mit ihrem Mann auch die Hälfte ihrer Liebe. Ingeborgs Liebe war ganz anders, als die von Solveig. Ingeborg wollte sich Festhalten nach dem Krieg und da war Hermann, also „fasste sich Ingeborg ein Herz und den Hermann an die Hand“ und richtete sich ein in ein solides Leben unauffälliges Leben, gerade auffällig genug, dass die Nachbarn einen kennen. Ingeborg lebte ein Leben, indem nichts passierte.

Dass Roy jetzt noch in Ingeborgs Leben tritt, wird etwas absurd, aber Gott mag das Absurde: „Er hat Pädophile, Nazis und Volksmusiker erfunden, ihm ist also einiges an Humor zuzutrauen.“ Also lässt er die Leben der drei antriebslos ineinanderlaufen, wie Wassertropfen an einer Fensterscheibe sich verbinden. Schließlich hat er sich gut eingerichtet in seiner Ewigkeit, mit Spielekonsole, Gleichgültigkeit und Sarkasmus.

Hin und wieder schaut er dem Treiben auf der Erde amüsiert zu, denkt bei guten Wendungen „Ich wieder“, die meiste Zeit aber „Ach komm, Gott, lass die Leute laufen, […] und spürt, dass Laufenlassen das einzige ist, was dieser Welt noch zuträglich ist. Hilft zwar nicht, ist aber zuträglich.“

Der Geschichte zuträglich sind die Leben der drei Protagonisten auf jeden Fall, die Gott da als eine Art Meta-Erzähler kommentiert. Dass Dirk Bernemann Gott als Erzähler einsetzt, ist zwar nicht besonders originell, aber dennoch ziemlich witzig. Und die einmalige Sprache, mit der Dirk Bernemann erzählt, zaubert beim Lesen ein durchgängiges Lächeln ins Gesicht. Manchmal durch platten Anspielungen wie bei „Der Typ bleibt zurück, voll gekotzt und so dumm und ungefickt als wie zuvor“, manchmal durch überraschende Vergleiche wie: „Auch dabei schaut die Mutter Neutralität, sie guckt, wie man sich die Schweiz vorstellt, irgendwie niedlich und konfliktarm, aber eben auch mit einer gewissen Distanz zu allem, wobei sie eine unglaublich unverständliche Sprache benutzt.“

Natürlich ist es schwierig, einen körperlich behinderte Person als Hauptfigur zu nehmen, besonders, wenn diese eine tragisch-komische Rolle einnimmt. Behinderten-Witze – geht das überhaupt? Bei Dirk Bernemann erstaunlich gut. Aber auch nur, weil Roy nie als irgendwie eingeschränkte Person wahrgenommen wird. Er ist ein ganz normaler (ok, ein ganz normaler Außenseiter-)Junge, der mit dem ersten Sex, den mittleidsvollen Eltern, mit der Unerreichbarkeit der eigenen Träume zu kämpfen hat. Das gelingt auch deswegen, weil Roy nur ein Drittel der Hauptpersonen ausmacht und sich und seine Umwelt präzise reflektiert, präziser vielleicht als Solveig und Ingeborg.

Die Sprache des Romans spiegelt Buchstabe für Buchstabe die Unausweichlichkeit, Ungerechtigkeit und Unbeeinflussbarkeit des Lebens wider. Sarkastisch und direkt und immer gut formuliert. Wenn ich einen Satz besonders schön finde, markiere ich die Seite mit einem Eselsohr – und dieses Buch hat ziemlich viele Eselsohren.

Über den Autor:

Der Herr Bernemann ist beliebt in seiner Nachbarschaft, weil er nie mit seinen Nachbarn spricht. Worüber auch? Kunst vielleicht oder Wetter? Er war schon als Kind fasziniert von Musik und schönen, aber auch nicht so attraktiven Worten. Herr Bernemann ist in seinem Leben schon einige Male umgezogen, hat aber nie im Ausland gewohnt, obwohl er Deutschland als Institution kacke findet. Er mag Himbeeren und Ananas lieber als Kartoffeln und Rotkohl. Herr Bernemann schreibt Bücher voller Geschichten und Gedichte.

Nicht alle Gedanken, die er hat, findet er selber gut, einige hasst er sogar. Die deutsche Sprache ist für den Herr Bernemann ein Fahrzeug mit dem er in alle Regionen menschlichen Empfindens einfahren kann. Seine Texte sind wie alte Bekannte mit neuen Gesichtern, wie alte Drogen mit neuen Wirkstoffen, wie bekannte Plätze mit neuen Häusern.
Herr Bernemann inszeniert nicht sich, sondern seine Ironie. Dekadenz ist für Arschlöcher, call him Arschloch. Er liebt Kultur, seinen Wortschatz und manchmal sogar sich selbst. Er ist nicht elegant, sieht aber immerhin noch gut aus, wenn er auf die Fresse fällt.

Über das Buch:

Roy hat ein Herz aus Pudding, Solveig züchtet Illusionen und Ingeborg muss am Ende ihres Lebens ihre Liebe halbieren. Die Leben dreier Menschen kollidieren, antriebsgestört, gefühlsüberfüllt und impulsbescheuert. Dabei passieren unnacherzählbare Dinge, bei denen nicht nur Gott lieber wegschaut.

Dirk Bernemann erzählt die verstörende Biographien von drei Zufallsexistenze, deren Lebenswege wie Regentropfen an der Fensterscheibe zusammenlaufen. Dazu benutzt er eine Sprache, die gleichzeitig dokumentiert und herzergreifend berührt.

„Ein absolutes Muss. Ein absolutes Feierwerk an Sprache, Stimmung und Storytelling. Ich kann nur immer wieder behaupten: Ich bin selten Fan, aber hier bedingungslos.“ Benjamin Griffey aka Casper

(Dieser Text wurde für die Kategorie „Buch der Woche“ des KingKing Shops geschrieben.)

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