wie witzig es ist, wenn ein künstler verschwindet

Die radikale Absenz des Ronny Läpplinger ist eine kommentierte Tagebuchedition. Eine fiktive. So glaube ich. Denn der Autor Christian Saehrendt baut in und um seinen Roman eine Geschichte auf, die durchaus real sein könnte. Vordatiert auf das Jahr 2012 kommen in Rückblenden Personen und Ereignisse der Gegenwart vor. Oder werden sogenannte VIPs in Ereignisse verstrickt, die zwar nicht geschehen sind, es aber nicht wundern würde, wenn sie morgen so in der Zeitung stehen, unter der Rubrik Leute. Aber das sind alles nur gelungene Nebengeschichten. Das Buch selbst handelt vom Künstler Ronny Läpplinger. Mit seinen radikalen Performances stand Ronny kurz vor dem internationalen Durchbruch hat es dann aber – wie so viele – doch nicht geschafft. Also zog er zurück zu seiner Mutter ins beschauliche Böblingen, zurück ins Kinderzimmer unter die VfB Stuttgart-Bettdecke. Hier beginnen seine Tagebuchaufzeichnungen. Durchaus kritisch und sarkastisch beschreibt er sich und den Kunstbetrieb mit all seinen scheinbar unkonventionellen Lebensentwürfen, egozentrischen Möchtegern-Jeff-Koons und vor allem das unter dem Mantel der artyfarty-Gesellschaft auch so spießige Kulturleben. Hier sind Regeln und Befindlichkeiten weitaus wichtiger als das Kunstwerk. Ronny erlebt das an sich selbst, er führt ein künstlerisches Doppelleben: Er ist der unberechenbare, etwas erfolglose Performancekünstler, zugleich verdient er sein Geld aber unter einem Pseudonym mit langweiliger, klassischer Wartezimmer-Malerei. Und gerade dieser Gegensatz ist es, der ihn zu schaffen macht. Seine Tagebucheinträge sollen ihn aus dieser emotionalen Misere heraushelfen. Die Entscheidung zurück zur Mutter zu ziehen, um sich endlich wieder auf die Kunst konzentrieren zu können – ein Fehlschluss. Statt Entwicklung oder Besinnung verfängt sich Ronny in Stillstand und besinnungslosem Berauschtsein. Da helfen auch keine verzweifelt wirkenden Versuche Fuß zu fassen in der von Kunstlehrerinnen und Sparkassenangestellten geprägte Kunstszene Böblingens. Und so endet das geplante Comeback des Künstlers wie seine Karriere begann: in der radikalen Absenz.

Der Autor Christian Saehrendt karikiert auf so pointierte, überzeugende und sympathische Art den Kulturbetrieb (und das Bürgertum in den Figuren der Familie), dass ich fast Mitleid bekomme mit den Protagonisten. Dass ich schmunzelnd denke: jaja, die Künstler. Und erst dann merke, eigentlich ist nicht der Kulturbetrieb gemeint, sondern die Gesellschaft im Ganzen. Ich bin gemeint. Und dann schmunzle ich noch ein wenig mehr. Die radikale Absenz … ist sehr unterhaltsam geschrieben und im Kern so wahr, dass es fast schade ist, einen fiktiven Roman gelesen zu haben

(Dieser Text wurde für die Kategorie „Buch der Woche“ des KingKing Shops geschrieben.)

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