i am photography

Der exzessive Gebrauch von Fotoapparaten und Handykameras bei Konzerten, Sportveranstaltungen oder ähnlichen Ereignissen hat mittlerweile dazu geführt, dass die Musiker zurückschießen: bewaffnet mit digitalen Aufnahmegeräten fotografieren und filmen sie die Menge oder rufen zum kollektiven Fotografieren auf. Der eigene Moment wird dadurch zur Massenware, zum kollektiven Einfrieren eines Augenblicks, den Tausende gleich erleben.

Abgelenkt durch die Technik kann der Fotograf oder Filmer den fotografierten Moment gar nicht erleben. Die Technik schiebt sich zwischen ihm und das Ereignis. Natürlich, es bleibt der subjektiv gewählte Bildausschnitt, trotzdem bleibt es ein Ausschnitt, der das Ereignis nicht in Gänze wiedergibt. Das Ereignis wird in einen definierten Rahmen (3,5 Zoll) gepresst, alles, was außerhalb dieses Rahmens stattfindet, geht unter.
Es drängt sich die Frage auf, warum ein Ereignis gefilmt wird. Was bewegt Menschen, sich durch Technik vom echten Erleben zu distanzieren? Sieht man sich die Bilder/Filme zu Hause noch einmal an? Wie steuern sie die Erinnerung? Mit welcher Bedeutung werden sie aufgeladen.

Zum einen bleibt die grundlegende Funktion der Fotografie: Sie archiviert einen Moment, hält ihn für die Nachwelt fest, tötet ihn und macht ihn gleichzeitig unsterblich.

Hinzu kommen weitere Gründe, die sich in dieser Form erst mit Aufkommen der Digitalfotografie entwickelt haben: Durch das Fotografieren eines Ereignisses positioniert sich der Fotograf. Er zeigt sich selbst, Freunden und Fremden, wer er ist und wo er ist. Zugleich beweist er anderen und sich selbst, dass er an einem Ereignis teilgenommen hat, dass er es nicht von Erzählungen oder aus dem Fernsehen kennt. Mit der Auswahl dessen, was er festhält, steigert er sein soziales Prestige. „Ach guck, XY war auch bei dem Konzert. Geschmack hat er ja.“ Oder „Seht her, ich war auf derundder Kunstausstellung. Das beweist doch, dass ich etwas von Kunst verstehe.“ Das Fotografieren ist zugleich Beweisführung für und Trennung vom Erlebten. In der „höherschnellerweiter“-Gesellschaft zählt nur der Beweis.

Dabei geht durch das Fotografieren eine Menge verloren. Erstens das Erleben selbst und dann das Erleben auch auszuhalten. Das Einlassen auf einen Moment. Das Zulassen von Emotionen, das Einordnen des Ereignisses. Was ist, wenn es mich langweilt? Kann ich damit umgehen. Kann ich zugeben, dass ein Konzert von Take That langweilt, obwohl ich sehr viel Geld dafür ausgegeben habe und offensichtlich die Personen neben mir das Konzert genießen? Zweitens geht die Nachbereitung des Erlebten verloren. Das Erinnern ohne Hilfe, das Strukturieren und Erzählen. Und zuletzt geht die Fähigkeit verloren, sich selbst zu vertrauen. Kann ich ich sein, auch wenn es keinen habtischen Beweis dafür gibt?

Ein Kommentar

  1. Maria

    Heute in der NY Times-Ausgabe der SZ:
    „Choosing To See Art Through Viewfinders – by Roberta Smith
    Scinetists have yet to determine what percentage of art viewing is done through the viewfinder of a camera or a cellphone, but the figure is on the rise. […] Only two of these people used a traditional camera and actually held it to the eye. Everyone else wielded either a cellphone or a mini-camera and looked at a small screen, which tends to make the framing process much more casual. It is changing the look of photography. The ubiquity of cameras in exhibitions can be dismaying, especially when read as proof that most art has bekome just another photo op for evidence of someone´s passing through. More generously, the camera is a way of connecting, participating and collecting fleeting experiences. For better and for worse, it has become intrinsic to many people´s aesthetic responses. […] as with Ms. Fremson´s shot of the gentleman photographing a photo-mural by Cindy Sherman that makes Ms. Sherman […] appear to be posing just for him. She looks more real than she did in the installation. Of xourse a photograph of a person photographing an artist´s photograph of herself playing a role is a few layers of an onion, maybe the kind to be found only among picture takers at an exhibition.“

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