mit spucke in die zitatehölle

Spucke, Roman von Wolfgang FrömbergWolfgang Frömberg weiß ganz schön viel. Aber Wolfgang Frömberg weiß nicht, wohin mit seinem Wissen. Es auf seine Texte und Artikel zu verteilen, die er als Musikredakteur schreibt, scheint ihm nicht zu genügen. Einzige Möglichkeit: ein Buch. Spucke heißt das Romandebüt und ist gleichzeitig eine Abrechnung mit seinem alten Arbeitgeber, der Zeitschrift Spex.

Und diese Rahmenbedingungen sagen mehr über das Buch, als Klappentext und Interviews mit dem Autor es könnten.

Diskurspopliteratur ist wahrscheinlich die passendste Bezeichnung für diesen Roman. Er handelt von Förster, Redakteur bei Spucke, Vater von Nele, unglücklich verliebt in Martha. Förster verliert sich in Diskussionen und Gedanken über Gesellschaftskritik, Poptheorie, Literatur und Kunst.  Sein Leben dreht sich im Kreis. Eigentlich will er aufbegehren gegen den bevorstehenden Umzug seiner Zeitschrift von Köln nach Wien (Köln Berlin wäre wohl zu realistisch gewesen). Aber mit den Planungen zur Revolution kommen er und seine Freunde nicht voran, sie verlieren sich in Wodka und Worten. Und schon steht er (und der Leser) wieder am Anfang. Er verliert sich in der Zitatehölle zwischen Rainald Goetz, Roland Barthes, Rolf Dieter Brinkmann und Blumfeld. Mehr Platz für Frömberg, sein Wissen in den Köpfen seiner Hauptpersonen zu platzieren. Der Klappentext spricht von einem brisanten und raffinierten Bildungsroman. Brisant ist höchstens das Tempo, in dem Förster sich den Wodka hinter die Binde kippt. Raffiniert ist noch nicht einmal der Versuch des Autors, durch Metaebene und Perspektivwechsel einzuflechten. Schon gar nicht die die eingebauten, formlosen Rückblenden, die mehr verwirren, als dass sie Sinn stiften. Und Bildungsroman. Ja, ein Bildungsroman ist es schon. Aber in dem Sinne, dass der Leser schon im Vorfeld gebildet sein muss, um die Thesen und Antithesen, die Äußerungen und Umstände richtig ordnen und deuten zu können.

Wolfgang Frömberg bei einer Lesung

Das Buch ist geschrieben für geduldige Leser. Dann und wann kommen intelligente, witzige Formulierungen oder überraschende Gedanken ans Licht. Wer aber eine brisante Geschichte oder sogar Sticheleien gegen die Spex erwartet hat, wird enttäuscht. Vielleicht gibt das der Rahmen aber auch einfach nicht her. Um ein Zitat aus dem Buch zu zitieren: Die großen Leute sagen viele dumme Sachen/Sie halten alle Leute für dumm/Und die Leute sagen nichts und lassen sie machen/Dabei geht die Zeit herum. (Bertolt Brecht)

(Dieser Text wurde für die Kategorie „Buch der Woche“ des KingKing Shops geschrieben.)

Nachtrag: Gerade ist mir eingefallen, dass mein Lieblingsartikel über 1000 Robota von Wolfgang Frömberg stammt. Ein Hoch auf sein Wissen!

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