zucker vor dem schlafengehen

Am Anfang liest sich das Buch wie „Schokolade zum Frühstück“ mit einer hipperen Protagonistin in einem hipperen Umfeld mit eingestreuten hippen Songtextzeilen. So hip, so unaufregend. Sonja findet sich zu dick, nicht kreativ

genug für „die Szene“, will den Rockstar, der sie nicht will und fühlt sich neben ihren kreativen, dünnen und erfolgreichen Freunde dumm und dick und fehl am Platz. Irgendwo habe ich das alles schon einmal gelesen.

Aber dann packt es mich: kreativer könnte man schließlich selber sein, selbstbewusster auch und die Freundin gegenüber, ist die nicht hübscher als man selbst? Und man wird hineingesogen in Sonjas Gehirnwindungen. Je selbstgefälliger (und dünner) Sonja wird, desto mehr hasst man sie und sich gleich mit, schließlich sind all diese Gedanken schon selbst gedacht und durchdacht worden.

Kerstin Grether hat ihr Netz ausgelegt, naiv ist man hineingestolpert und nun beginnt sie ihren Fang wieder einzuholen: Man liest und liest und will endlich ein Happy End für Sonja – und für sich.

Sonja hat inzwischen das gemacht, was jeder, wirklich jeder, eigentlich weiß, dass man es nicht tut: Sie hat sich blenden lassen von den schönen Mädchen in den Magazinen (dabei arbeitet sie in einer Bildagentur und photoshopt die Models), von den scheinbar erfolgreichen Freunden, vom nicht vorhandenen Selbstbewusstsein. Sie ist in eine Magersucht abgerutscht, denk nur noch nach über Äpfel, Spinat, Kniebeugen und Kleidergröße 32. Mit ihren verschwundenen Kilos verschwindet sie selbst aus dem Leben. Und reflektiert das Verschwinden ohne sich dagegen zu wehren. Kerstin Grether (be)schreibt dieses ambivalente Gedankenkonstrukt so passend, dass man erst gar nicht bemerkt, selbst nicht magersüchtig zu sein.

Weil Sonja denkt und weil Sonja „unsere“ Gedanken denkt, ist das Buch einfach zu lesen: Keine hochtrabenden Sätze, keine philosophischen Diskurse – dafür eine einfache, mitreißende Erzählung, die das Gefühl auf den Punkt bringt. Und wenn man mal zwei bis fünf Sätze überliest, nicht schlimm, einen poetischen Kniff hat man nicht verpasst und inhaltlich findet man sich auch schnell zurecht. Das perfekte Buch für Kurzvormeinschlafen.

Ob das Buch auch bei Männern funktioniert? Ich weiß es nicht. Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow sagt zwar, es sei ein Buch für alle, aber er das wirklich glaubt oder Kerstin Grether nur einen Freundschaftsdienst erwiesen hat … ich glaube eher letzteres.

(Dieser Artikel wurde für die Kategorie „Buch der Woche“ des KingKing Shops geschrieben.)

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