der mann, der den rand ausleuchtet

Das Buch „Randgruppenmitglied“ von Frédéric Valin übergab man mir mit den Worten: „Aber Achtung, alle die es bisher gelesen haben, fanden es verstörend“. Ein Erzählband mit sechs Geschichten über Menschen, die in irgendeine Weise tot sind – körperlich, geistig, emotional.

Frédéric Valin (Verbrecher Verlag)

Frédéric Valin schaut auf die Schattenseiten des Lebens. In prägnanten Bildern, viel Feingefühl und stilsicher. Dabei zeigt er nie mit den Finger auf seine Protagonisten, weder auf die Verlierer, noch auf die Nebenfiguren. Er begegnet seinen Figuren mit Respekt. Während des Lesens kommt es mir nie in den Sinn, eine Person zu verurteilen. Verachtung hat keinen Platz in Frédéric Valins Geschichten und genau das ist es, was sie so ergreifend macht. Sie berühren, ohne dass sie Mitleid hervorrufen. In Sätzen wie „Wir verkleideten uns als Kurt Cobain, weil wir uns Nine Inch Nails nicht zutrauten. Wir hörten weißen Hip-Hop und trugen Baggypants, weil wir uns vor Snoop Doggy Dog erschreckten.“ erkennt man sich wieder, man ärgert sich mit Porck, der sich beim kauzigen Mädchen in der WG-Küche Chancen ausmalt und sie dann doch an seinen Mitbewohner verliert und man zieht den Hut vor dem Pfleger, der seiner Patientin zum Selbstmord verhalf.

Frédéric Valin schreibt schnörkellos und ehrlich. Manche Pointen entfalten sich zischen den Zeilen, in der Geschichte „Grenzen“ wird dagegen der Verfall des Körpers detailreich und erschreckend realistisch beschrieben. Und trotzdem (oder gerade deswegen) entwickelt sich eine große Empathie für diese Figuren.
Seine Geschichten sind voller Ironie – allerdings zielt sie nicht auf die gescheiterten Protagonisten, sondern auf den Leser. Mit jeder Geschichte ist der Leser sofort dabei, als ob ein Freund gegenübersitzend aus seinem Leben erzählt – bei Kerzenschein und Bier in einer verranzten Lieblingskneipe.

Der große Vorteil beim Schriftstellerdasein sei, sagt Frédéric Valin, dass man den ganzen Tag keine Menschen sehe. Dabei ist es eher so, dass er Menschen mag. Gerade die, die am Rand der Gesellschaft stehen.
Und ach ja: 128 Seiten, die ich mit großem Vergnügen gelesen habe.

(Dieser Text wurde für die Kategorie „Buch der Woche“ des KingKing Shop geschrieben)

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